Kultur : Heimatkunde

Ilma Rakusa öffnet ihr Berlin-Journal.

Hannes Schwenger

Spazieren in Berlin kann jeder. Wer sich allerdings wie Ilma Rakusa „Flaneuse“ nennt und seine Eindrücke in Literatur verwandelt, kann nicht vermeiden, am Klassiker des Genres gemessen zu werden: an Franz Hessels „Spazieren in Berlin“ (1929) mit den viel zitierten Worten, diese Stadt sei „immer im Begriff anders zu werden.“ Rakusa, deren Notate während eines Jahrs am Wissenschaftskolleg (2010/2011) entstanden, teilt Hessels Definition des genius loci: „Berlin ist unfertig und immer in Bewegung.“ Das muss eine Schweizer Autorin, die sich als Nomadin versteht – 1946 in der Slowakei als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin geboren, in ganz Europa herumgekommen und als Übersetzerin zwischen Mutter- und Vatersprache sowie Russisch unterwegs – natürlich locken: „Zumal ich nicht nur Berlin, sondern auch meine Berliner Freunde aufrichtig liebe.“

Wie viele das sind und in welchen Lokalen man ihnen begegnet, füllt schon ein Drittel des schmalen Journals, das dadurch mitunter zum name-dropping verkommt. Schade, denn ihr gelingen atmosphärisch dichte Momentaufnahmen – auch ganz wörtlich, denn das Buch illustrieren ein Dutzend selbst aufgenommener Fotografien: Straßen, Höfe, Graffiti. Berlin in Bewegung? Auf den Bildern Fehlanzeige. Dafür schwärmt sie in Worten umso mehr: „Die vielen Berliner Kinderspielplätze! Die Salsatänzer an der Spree! Das Festival der Kulturen der Welt!“ Franz Hessel glaubte noch am Ende der zwanziger Jahre: „Sicherlich ist in anderen Städten der Lebensgenuss, das Vergnügen, die Zerstreuung bemerkenswerter.“ Das sieht Rakusa anders. Davon abgesehen, hält sie sich an Hessels Rezept, bei ihren Spaziergängen durch Berlin „eine Art Heimatkunde“ zu treiben, die sich auch „um die Vergangenheit und die Zukunft dieser Stadt kümmern“ will.

Ihr erster Weg führt sie zum S-Bahnhof Grunewald, von wo aus in Hitlers Jahren 50 000 Berliner Juden in die Todeslager deportiert wurden. In der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek liest sie Chamissos Reisetagebücher und ein Gedicht Bonhoeffers aus der Haft 1944. Auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee „fehlen erstmal die Worte“. Die finden sich wieder im einstigen Scheunenviertel bei Kuchen und Tee im Wunderkind: „Wir sitzen unter dem Nußbaum im Hof der ,Kunstwerke’ und sprechen über Beziehungen, Besinnungslosigkeit, the whole thing.“ Die Freundin aus Amerika „ersteht noch einen eleganten Gürtel“, dann „ist es vorbei mit dem coolen Berlin“. Seltsam cool bleibt Rakusa bei den Katastrophenmeldungen aus aller Welt, die ihre Berliner Szenerie wie düstere Kulissen umstellen. Ein „tragisches“ Schiffsunglück auf der Wolga, Fukushima, um das „die Welt bangt“ und wo die Retter „Übermenschliches leisten“. Doch „wer obdachlos und verstrahlt ist, hat nichts mehr zu lachen.“ Selbst der Unfall eines Freundes entlockt ihr nur einen Kalauer: „Falling walls – falling people.“ Vielleicht hatte Hessel recht, als er schrieb: „Mit Herumlaufen ist es nicht getan.“ Hannes Schwenger

Ilma Rakusa:

Aufgerissene Blicke. Berlin-Journal.

Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2013. 120 Seiten, 16 €.

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