Kultur : Heimflüge

Hannover entdeckt Ilya Kabakov als Maler.

Hendrik Feindt

Das Malen gehört zu Ilya Kabakovs Handwerk wie die Fliege zum Zimmer. Beides, Gemälde und Fliegen, waren stets wichtige Bestandteile seiner räumlichen Installationen, mit denen er das Leben in der Sowjetunion bedrückend reinszenierte. Über 600 Arbeiten zählt der „Catalogue raisonné“ seiner Gemälde, doch gab es bislang keine Retrospektive zum malerischen Oeuvre des 1933 in der Ukraine geborenen und vor einem Vierteljahrhundert in den Westen emigrierten, heute auf Long Island lebenden Installationskünstlers, der sich seit 2000 hauptsächlich auf das Malen verlegt hat.

„Eine Rückkehr zur Malerei“ lautet entsprechend seine Ausstellung im Sprengel Museum Hannover. Inkunabeln aus sowjetischer Zeit sind darunter, etwa das Basrelief „Der Knabe“, das alle Lehrsätze, Normen und staatlichen Dogmen in ihrem Zwangswesen dechiffriert, oder das verstörende Bild „Wem gehört diese Fliege?“, das die Ärmlichkeit in den Gemeinschaftswohnungen noch übertreibt. Der Schwerpunkt liegt auf jüngeren Arbeiten.

Überzeugend ist vor allem die Serie der „Fliegenden Bilder“, Travestien des sozialistischen Realismus. Die Motive zitieren die vorgeblich heilen Welten der Kombinate, doch die Bildausschnitte, zu Rhomben und unregelmäßigen Vierecken verkürzt, verlieren sich in weißen Bildräumen. Das Verschwinden dieser Welten wird dadurch sinnfällig. Die Serie „Sie schauen“ erinnert an Rembrandts Gruppenporträts; dessen Gildenstücke im Amsterdamer Rijksmuseum faszinierten den Künstler. Bei Kabakov sind es nicht mehr die Angehörigen eines Berufsstands, sondern Verstorbene seiner Familie, die eindringlich auf den Betrachter herabschauen. In einer Vitrine mit Familienfotos liegen die Bildvorlagen.

Die „Drei Gemälde mit schwarzem Fleck“, Riesenformate von fünf mal acht Metern, sind gemalte Erinnerungsstücke: Ansichten einer Zeremonie, bei der Kabakov 2008 den Praemium Imperiale, der als Nobelpreis der Kunst gilt, aus den Händen des japanischen Tenno erhielt. Das Spiel mit der Erinnerung rückt an die Gegenwart heran. Nun übernimmt Kabakov darin eine eigene Rolle. Hendrik Feindt

Sprengel Museum Hannover, bis 29. April. Katalog (Kerber Verlag) 29 €.

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