Kultur : Heimkehr des Heiligen Stefanus

Christie’s: Berlin holt sich seinen Tiepolo zurück

Matthias Thibaut

Wenigstens bei einem Tiepolo gelang, was bei einem Kirchner nicht möglich war: Für umgerechnet 578 000 Euro kaufte die Berliner Gemäldegalerie bei der Altmeisterauktion von Christie’s „ihre“ große barocke Märtyrerszene des Giandomenico Tiepolo nach vollzogener Restitution wieder zurück. Die Steinigung des Heiligen Stefanus, 1754 für die Benediktinerabtei Schwarzach geschaffen, ging später in Privatbesitz. Als der neue Besitzer sie 1942 zur Restaurierung in die Nationalgalerie nach Berlin schickte, wurde sie gleich dort behalten. Ein klarer Fall. Auch der Bremer Galerie Neuse gelang es, kriegsversprengte Kunst nach Deutschland zurückzubringen: Sie bezahlte bei Bonhams den Rekordpreis von 1,13 Millionen Pfund für ein Werk von Jan Lievens, einem Rembrandt-Schüler, der am Kunstmarkt größtes Ansehen genießt und höchste Preise erzielt. Sein Porträt einer blonden Holländerin gehörte einst Georg V. von Hannover und wurde 1939 in einem Koffer mit falschem Boden aus Nazideutschland herausgeschmuggelt.

Die Londoner Altmeisterauktionen waren wieder eine Mischung aus Preistriumphen und Enttäuschungen: Jedes Auktionshaus schaffte fast ein Dutzend Rekordpreise, aber ein Drittel der Lose ging zurück. Die Qualitätsansprüche steigen, während das Interesse an den Routinebildern sinkt, mit denen unsere Ahnen ihre Häuser schmückten. Manch schöne holländische Landschaftsmalerei blieb hinter den Preishoffnungen zurück. Bei den Blumenstillleben wird nur noch um die allerbesten Exemplare gekämpft.

Gleichzeitig herrscht an Geld kein Mangel, die Konkurrenz um Topbilder wächst. Ein russischer Sammler sicherte sich via Agent im Saal zwei Starlose: zunächst eine „Madonna mit Kind und Granatapfel“, die der Katalog bedingt einen Botticelli nennt. Das Gebot von 3,8 Millionen Pfund – 5,6 Millionen Euro – erhob sich dann doch um ein paar Millionen über die Zweifler. Für Rubens’ Ölskizze des Heiligen Michael zahlte er 1,8 Millionen Pfund (2,64 Millionen Euro). Eine unter der Schmutzschicht bestens erhaltene Venedigansicht mit dem vielleicht populärsten Motiv der Punta della Dogana von Francesco Guardi war auf 600 000 Pfund taxiert und kletterte auf 3,8 Millionen Pfund (5,5 Millionen Euro). Zwei mittelgroße, feine Ansichten des Forum Romanum von Bernardo Bellotto mit 6,5 Millionen Pfund (9,6 Millionen Euro) wurden das teuerste Altmeisterlos der Saison. Auf 31 Millionen Pfund belief sich der Christie’s-Umsatz insgesamt, 4 Millionen mehr als bei der Sommerauktion. Sotheby’s konnte da mit seinen 17 Millionen Pfund nicht mithalten. Die Amsterdamvedute des Jan van der Heyden, des Ahnherren der Vedutenmalerei, schaffte hier mit 4,5 Millionen Pfund (5,68 Millionen Euros) knapp die ehrgeizige Taxe.

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