Kultur : Heimkehr nach Berlin: die Autobiografie von Vera Isler-Leiner

Julia Rehder

Manchmal ist ein Buch wie ein gutes Essen. Gerne hätte man den einzigartigen Geschmack noch länger ausgekostet, und doch weiß man, dass ein Nachschlag nie denselben Genuss erzeugen würde. Mit Vera Isler-Leiners Autobiographie "Auch ich ..." ist es ähnlich. Nicht, weil das Thema so angenehm wäre - im Gegenteil. Die Autorin erzählt, wie sie als Kind von Berlin in die Schweiz emigrierte und dort mit ihren Geschwistern den Zweiten Weltkrieg überlebte. Ihre Eltern wurden über Nacht aus Berlin deportiert und in Auschwitz ermordet, ebenso ein Großteil ihrer Verwandtschaft. Und auch als junge Frau wurde Vera Isler-Leiner vom Leben nicht gerade verwöhnt. Ihre erste Ehe scheiterte, nicht zuletzt, weil sie sich noch nicht selbst gefunden hatte: Sie befolgt die sexuellen Vorlieben ihres Mannes, schläft vor seinen Augen mit fremden Männern.

Erst später findet sie zu sich selbst. Als Fotografin fasst sie in New York Fuß und macht sich auch international einen Namen. Trotz Ruhm und Anerkennung bleibt sie selbstkritisch und aufgeweckt. Vor zwei Jahren wurde bei der heute 69-Jährigen Brustkrebs diagnostiziert. Doch auch dieser Schicksalsschlag lässt die gebürtige Berlinerin nicht verbittern. Statt sich neue Brüste modellieren zu lassen, entschließt sie sich zu einem Tattoo.

Ihre Autobiographie unterscheidet sich von vergleichbaren Lebensgeschichten, schon wegen ihrer ebenso lebensbejahenden wie aufmüpfigen Grundhaltung. Im Buchtitel "Auch ich ..." ist angedeutet, dass ihre Geschichte - wenn auch äußerst tragisch - so doch nicht unbedingt einzigartig ist. Wohl aber ist es die Tonart. Die Autorin gibt ihr Schicksal und ihr Innenleben mit großer Offenheit preis, nie darauf bedacht, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Am Ende des Buches lässt sie den Leser mit einem Gefühl zurück, er habe gerade ein intimes Gespräch mit einer guten Freundin geführt.

Ihre einsame Kindheit in der Schweiz allerdings verniedlicht sie, greift oft zur Verkleinerungsform von "-chen" und "-lein". Doch vermag ein "Stühlchen auf der Wiese", von dem aus "Veralein" die Natur beobachtet, nicht darüber hinweg zu täuschen, dass das einzige Lebenszeichen ihrer Eltern stark zensierte Briefe aus dem Konzentrationslager sind. Plötzlich bleiben auch diese aus.

Als Vera Isler-Leiner 1961 in Berlin versucht, eine Wiedergutmachung für sich und ihre Geschwister zu beantragen, schüchtert ein junger Beamter sie ein. Er besteht auf Beweisen, dass das Zigarrengeschäft ihrer Eltern am Blücherplatz 3 in Kreuzberg auch wirklich existierte. Vera Isler-Leiner zieht sich zurück.

Jahre später, die Mauer ist schon gefallen, schließt sie Frieden mit der Stadt, in der alles anfing. Auf der Suche nach den Spuren von damals begegnet sie Berlin von neuem. Es überrascht sie nicht, dass sie auf der Lindenstraße, an exakt der Stelle, an der das zweite Zigarrengeschäft ihrer Eltern stand, das Jüdische Museum von Daniel Libeskind entdeckt. Im Bezirk Mitte, wo sie geboren wurde und die ersten Kindheitsjahre verbrachte, trifft sie eine junge Frau wieder, die ihr im vergangenen Jahr blaue Blumen auf die Narben der Brustamputation tätowiert hatte. Etwa zur selben Zeit lernt sie den Verleger kennen, der ihre Autobiographie herausbringt - abermals in Berlin. Vera Isler-Leiner begreift diese Begegnungen als Zeichen: "Der Kreis hat sich geschlossen." Berlin ist wieder Teil ihres Lebens geworden.Vera Isler-Leiner: "Auch ich ..." Edition Ost, Berlin 2000. 193 Seiten, 39,80 DM.

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