Kultur : Heimliche Zeugen

Ein Schatz, im Landesarchiv entdeckt: Gerichtsaufnahmen von Leo Rosenthal aus der Weimarer Republik

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Auf Augenhöhe. Für kleine Mädchen wird ein Tisch herangeschoben. Foto: Landesarchiv Berlin
Auf Augenhöhe. Für kleine Mädchen wird ein Tisch herangeschoben. Foto: Landesarchiv Berlin

Im Gerichtssaal zu fotografieren, war damals so wie heute verboten. Damals, das war in den späten Jahren der Weimarer Republik. Zwischen 1926 und Hitlers Machtergreifung 1933 hat Leo Rosenthal, der als Berliner Gerichtsreporter für den sozialdemokratischen „Vorwärts“ arbeitete, seine Berichte jedoch durch Fotografien ergänzt, verdeckt aufgenommen, aber, wie es scheint, mit Wissen der Richter. Jüngst waren 57 dieser Zeitdokumente in einer Ausstellung des Landesarchivs im Rathaus Schöneberg zu sehen. Das Archiv verwahrt 1500 Aufnahmen, die der Fotograf 1968, im Jahr vor seinem Tod, dem Archiv veräußert hat. Dort hat sie Archivarin Bianca Welzing-Bräutigam vor zwei Jahren wiederentdeckt und gesichtet. Nun ist ein ganzes Buch zu diesem Schatz erschienen, das mit 99 Aufnahmen die Bandbreite der Rosenthalschen Arbeit sichtbar macht.

Rosenthal war, wie der Untertitel des Buches besagt, „Ein Chronist in der Weimarer Republik“ – „in“, nicht „der“. Doch gerade der Ausschnitt, den Rosenthal erfasste, zeigt die Republik in ihrer zunehmenden Bedrohung und Agonie wie unter dem Mikroskop. Was die Aufnahmen so wertvoll macht, ist ihre unverstellte Zeugenschaft. Die eindrücklichsten sind Aufnahmen von Prozessen mit politischem Hintergrund. Da ist Josef Goebbels zu sehen, damals NS-„Gauleiter Berlin“, und sein kommunistischer Widerpart Wilhelm Pieck, später erster (und einziger) Präsident der DDR. Willi Münzenberg tritt selbstbewusst auf, der mächtige Verleger der kommunistischen Presse, der dann 1940 im französischen Exil vermutlich von Stalins Schergen ermordet wurde, nachdem er sich von Moskau abgewandt hatte. Gesammelt und gelassen vor Gericht steht Ernst Reuter, der spätere Regierende Bürgermeister West-Berlins, als „Schriftleiter“ des „Vorwärts“ 1926 aufgrund zweier Zeitungsartikel wegen „Beleidigung von Angehörigen der Reichsmarine“ belangt. Eine Reportage vom Juli 1932 – dem Monat der fatalen Reichstagswahl, bei dem die Nazis dem legalen Sieg so nahekamen wie nie – ist überschrieben „Interessante Zeugen bei politischen Prozessen“. Einer dieser Beteiligten ist kein anderer als Adolf Hitler, sieben Monate vor der Bestellung zum Reichskanzler. Auf einem anderen Bild beugt sich Roland Freisler, später Vorsitzender des todeswütigen „Volksgerichtshofs“, über ein Schriftstück, während die von ihm verteidigten SA-Schergen in gelöster Stimmung hinter ihm stehen, den anstehenden Beinahe-Freispruch im Prozess um die von ihnen angezettelten Kurfürstendamm-Krawalle vorausahnend.

Rosenthal, 1884 im damals russischen Riga geboren, studierter Jurist und ab 1911 Rechtsanwalt in Moskau, schloss sich 1917 der bürgerlichen Revolution Kerenskijs an, die nach wenigen Monaten von den Bolschewiki beseitigt wurde. Er ging daraufhin 1919 nach Berlin und arbeitete zwölf Jahre lang für den „Vorwärts“, ehe er 1933 ins Exil flüchten musste, zunächst nach Frankreich, 1942 dann nach New York, wo er erst nach Jahren Arbeit als Fotograf findet – bei den Vereinten Nationen. 1968 verkauft er seine Berliner Aufnahmen ans hiesige Landesarchiv – ein Glücksfall, jahrzehntelang gar nicht wahrgenommen.

Rosenthal hat nicht nur politische Prozesse in den Moabiter Gerichtssälen dokumentiert. Eine amüsante Fotoserie begleitet einen Prozess um gefälschte Gemälde van Goghs 1932. Herrlich zu sehen, wie sich das Gericht um die Fälschungen drängt, die der Kunsthändler Otto Wacker in Umlauf gebracht hatte.

Schnäuzer, Kneifer, Stehkragen, alles ist auf den Bildern auszumachen, am schönsten ausgerechnet beim Strafverteidiger der „Roten Hilfe“, Hans Litten. Rosenthal musste mit verdeckter Kamera arbeiten, und gerade das gibt seinen Aufnahmen ihre Authentizität. Sie zeigen die Physiognomie dieser „Republik ohne Republikaner“, die zumindest ein Rechtsstaat war. Wenn auch nicht alle Menschen vor Gericht gleich waren, noch weniger auch gleichartig auftreten, so schimmert doch das Bemühen durch, so etwas wie Gerechtigkeit walten zu lassen.

Hitler als Zeuge in einem Prozess um einen bewaffneten Überfall der SA 1931: Da hockt ein Hasardeur angespannt vor dem Gericht, in dessen Hand sein politisches Schicksal liegen könnte. Genau diese historische Spannung zeigt der den widrigen Umständen abgerungene Schnappschuss. Leo Rosenthals Bilder lassen der unvollkommenen Weimarer Republik in ihren eigenen Gerichtssälen Gerechtigkeit zuteil werden.

Landesarchiv Berlin (Hg.): „Leo Rosenthal. Ein Chronist in der Weimarer Republik. Fotografien 1926-1933“. Verlag Schirmer/Mosel, München 2011. 160 S., 123 Abb., davon 99 in Duotone, 29,80 Euro

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