Kultur : Heimreise

Thomas Lackmann

NACHTFLUG

Als der Nachtpilot zum Auftakt seiner abendlichen Schneeregen-Exkursion an diesem Spätnachmittag vor der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße landet, um sich dort in den voll besetzen OttoBraun-Saal des Scharoun-Baus zu drängen, trifft er auf ein aufbruchbereites Publikum. „O glückliche, reiche, einzige Tage...“ heißt das Finissagekonzert der Foyer-Ausstellung „Die Mendelssohns in Italien“. Nach wenigen Takten, mit dem Klang der Kompositionen aus dem hier erstmals aufgeführten „Reisealbum“ der Mendelssohn-Schwester Fanny Hensel, lösen sich die trübe Außenwelt und die holzgetäfelte Innenraum-Klaustrophobie in lebenslustigem Wohlgefallen auf. „Nach Süden! Nach Süden! Jetzt aber hinaus!“ Während draußen das letzte Tagesgrau in früher Winternacht versinkt, erwecken drinnen sechs SängerInnen und ihr Klavierbegleiter die Licht- und Blumenträume einer romantischen Berlinerin. Zart perlend, elegisch aufwallend umspielen Fanny Hensels Weisen Sehnsuchtshorizonte und Existenzfragen. „In Rom“ überschreibt die Komponistin ihre Vertonung der Verse Goethes: „In dem Vergangnen lebt das Künftige/verewigt sich in schöner Tat/Und so gewinnt sich das Lebendige/aus Folg und Folge neue Kraft/Denn die Gesinnung, die beständige/sie macht allein den Menschen dauerhaft./So löst sich jene große Frage/nach unsrem zweiten Vaterland/Denn das Beständige der irdschen Tage/verbürgt uns ewigen Bestand." Welch kritischer Kommentar zur deutschen Politik! erschrickt der Pilot. Die Piano-Miniaturen „Gondellied“ und „Tarantella“ verzaubern anmutig, exotisch und temperamentvoll das begeisterte Auditorium der Liebhaber. Mit Heines „Schwanenlied“ naht bereits wieder die nördliche Melancholie: „Es fällt ein Stern herunter/aus seiner funkelnden Höh/Das ist der Stern der Liebe/den ich dort fallen seh.“ Mit dem Heimkehrer-Lied „Hausgarten“ fällt die Tür ins Schloss: „Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke/der Enge zu, die uns allein beglücke./Hier sind wir nun vorerst ganz still zu Haus." Eine heitere Sonnenfahrt zum Ernst des Lebens, durchs Land der Ideale – und zurück. Abflug, nach Friedrichshain.

Ein Trip in den Osten, das erkennt der Pilot in dieser kalten Nacht, ist keine Reise in den Süden. Und manchmal doch in eine andere Welt, ins Rätselreich der Telekom-Dateien: Abenteuerlich gestaltet sich der Anflug auf das Theater Schmales Handtuch, dessen Adresse die Bodenstation „Auskunft“ dem Piloten zwar mitgeteilt hat – aber an der angesagten Frankfurter Allee gibt’s gar kein Schmales Handtuch! Der Anruf bei der Bühne selbst wiederum („Lassen Sie Ihren Frust nicht an uns aus, wir sind ausverkauft“) weckt sibirische Emotionen. Schließlich steht der unerschrockene Pilot vor der Alten Feuerwache, Marchlewskistraße, einem backsteinernen Kulturhaus, in dem „Höchste Eisenbahn“, die letzte „Revuette“ des satirischen Entertainers Friedrich Hollaender, durch das Handtuch-Theater aufgeführt wird. Ein junges Künstlerteam hat die Lieder und Dialoge von 1932 liebevoll rekonstruiert und nostalgisch-witzig ausgestattet. Da wird die Unschuld, vom Land kommend, schon auf dem Bahnsteig fürs horizontale Gewerbe angeheuert, da schickt das Strohwitwen-Ballett im Bastrock – ein Show-Höhepunkt – seine Gatten fort zur Kur: „Was ich noch sagen wollte, im Handgepäck/liegt obenauf dein Diabetikergebäck.“ In der Pause kontrolliert der Schaffner die Fahrscheine des Kiezpublikums, Bauchladen-Girls durchschwirren die Reihen. Vom Biss der originalen Revue-Attacken auf den teutonischen Obrigkeitssinn – „Das Öffnen der Fenster ist nicht erlaubt! Auch Herren mit Busen sind nicht erlaubt!“ – vermittelt diese nette Zeitreise trotzdem keinen Schimmer. Das anarchisch-irre Gesetzesbrecher-Chanson „Die Notbremse“, mit dem Hollaender einst den reaktionären Zeitgeist provozierte, verpufft als grober Unfug mit Federboa. „Höchste Eisenbahn... Schon übermorgen kann sich alles drehn“, besingen die Brettl-Restaurateure den nahen Untergang. „Heute gilt nur: zu retten, was zu retten ist!“ Ihr braves Sendungsbewusstsein überdeckt Subtext, Pathos und Schärfe des prophetischen Emigranten in spe. Abflug, westwärts.

Nach seiner Landung an der Charlottenburger Behaimstraße klettert der Pilot im Cafe-Theater Schalotte durch den rauchigen Kassenraum hinauf zum Rang des ehemaligen Kinos. Vorhang auf: vier bizarre Alterchen, eine wilde Krankenschwester, ein Tropf auf Rädern. „Es war die schönste Zeit meines Lebens. Soll jetzt alles vorbei sein?“ vibriert eine sonore Greisenstimme. Die CenturyFox-Fanfare! Ein glamouröses Slapstickpaar trällert den Film-Song „Love is a Many Splendored Thing“ und entfaltet dabei spiegelverkehrt das Transparent „Liebe ist“ (den Titel des Abends). Ein blutjunges Paar balzt. „Ich habe noch nicht gelernt, mit der Liebe zu scherzen,“ haucht sie, „und seit heute will ich’s nicht mehr lernen.“ Rasant wirbeln die O-Ton-Piraten – vier Männer, eine Frau – durch Kostüm- und Maskenwechsel und Soundtrack-Montagen aus 500 Filmen. Songs und Dialoge: Playback perfekt. Ironie, Sentiment und Travestie sind Trumpf, Korpulenz ist sexy: eine schräge Kreuzfahrt durchs Wundermeer der Identitäts-Scharaden. Das zweisprachige „Singing in the Rain/Heut bin ich ganz verdreht“ gerät zum federnden Übermut-Trio. „Wenn Teenager träumen“ von Peter Kraus: eine gallige Persiflage der Bravo-Kultur, gegen den Strich gebürstet mit der Blow-Job-Poesie eines Schwulenfilms. Dröhnender Kitsch, drastischer Scherz, sensible Herzen. „Vom Winde verweht“, „Cabaret“, „In und Out“: Die Traumfabrik lebt und kringelt sich. Das Hackordnungsheim seelischer Senioren-Grausamkeit und anderer Blähungen liefert den dramaturgischen Rahmen. Ein Bademantel-Opa beginnt am Piano seine Lebensbeichte. „Etwas, worüber ich nie gesprochen habe,“ sagt er, „ich war erloschen.“ Und blüht auf – „Once on a high and windy hill“ – zum Schnulzenkaiser: „Your fingers touched my silent heart.“ Ein Bohlen-Typ an der Theke sagt immer wieder „das finde ich total unmännlich“ und fällt samt dem Barhocker um. Eine SofaGreisin krächzt mit Marlenes Organ: „Liebe, Liebe, Liebe, das ist doch Courts-Mahler. Ich habe solche kitschigen Gefühle überhaupt nicht.“ Dann trällert sie: „Es gibt im Leben manches mal Momente.“ Die Pflegeschwester droht: „Wer zu spät kommt, kriegt keinen Früchtecocktail.“ Ein Ehemann quält mit Aznavours Liebeskehraus „Du lässt dich gehn“ seine wimmernde Zickenschlampe. Ein reifes Paar findet sich – „mit oder ohne Gebiss?“ – zum seligen Kuss: „Vielleicht braucht es ein ganzes Leben, um fünf Minuten glücklich zu sein?“ Kurz vor Toresschluss hat der Nachtpilot Berlins komischstes, rührendstes Playback-Ereignis (erst im April wieder im Schalotte zu sehen) noch persönlich erleben dürfen! „Es fällt ein Stern herunter...“. Heimreise.

Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek, Potsdamer Str. 33, Tel.2661426. – Theater Schmales Handtuch, Marchlewskistr. 6, Tel. 4266636. – Cafe-Theater Schalotte, Behaimstr. 22, Tel.3411485.

0 Kommentare

Neuester Kommentar