Kultur : "Heimsuchung": Klappe und Pappe

Hartmut Krug

"Man muss der Gerechtigkeit wegen auch mal das Gesetz übertreten": Ein kühnes Pfarrerswort, im Fernsehen gesprochen, bringt unerwarteten Besuch in die katholische Kirche einer hessischen Kleinstadt. Gerade hat der Pfarrer das riesige Clint-Eastwood-Poster wieder von der Kirche entfernt, mit dem er die Menschen in Gottes Haus locken wollte, da stehen drei junge Männer aus Ostdeutschland vor ihm - und der Western beginnt.

Denn einer der drei ist angeschossen, aber ins Krankenhaus soll er, darf er nicht. Nachdem die Ärztin aus dem Ort den Schwerverletzten versorgt hat, wartet man, der Pfarrer und die Ärztin als Gefangene, auf einen Ausweg. Zeit genug für die üblichen deutsch-deutschen Missverständnisse und das westdeutsche Desinteresse, Zeit auch für kabarettistische Redefloskeln. Der Autor nutzt sie weidlich, wenn auch wenig spannungsfördernd.

Ein Stück voller Missverständnisse, aufgebaut auf dem grundlegenden dramaturgischen Missverständnis, Text sei alles im Theater. Bei Thomas Brussig gibt es keine lebendigen Figuren, sondern nur geschwätzige Selbstbehauptungen. Die Menschen in "Heimsuchung" kommen als Absichten des Autors daher, ohne ihre eigenen je deutlich oder spannend machen zu können. Hier steht jeder neben sich und dem anderen - und dazwischen, wo das Theater beginnen könnte, ist nichts.

Die Ärztin: resolut-ignorant in ihrer Ablehnung des Ostens und von dessen Problemen. Der Pfarrer: ein blasser Schwätzer, der von Vergebung räsonniert und vom Gefühl schwärmt, dass ihn beim Glockenläuten wärmt. Die drei Ossis: keine Einheit, sondern drei unterschiedlich entwurzelte Menschen auf der Suche. "Zusammenbruch der Systeme" hieß die Punkband, in der die drei Eindringlinge in der DDR spielten. Jetzt aber geraten sie plötzlich (wieder) auf eine, auf die andere Seite: "Warum bringt ihr uns immer dazu, den Osten zu verteidigen?" Thomas Brussig zeigt die "Heimsuchung" durch Figuren mit alten Wunden aus der DDR. Niemand will von ihnen wissen, dabei sind die Wunden gerade wieder aufgebrochen.

Denn es passierte die übliche, schlimme Geschichte: Ein misslungener, weil verratener Fluchtversucht aus der DDR (in einem Kühllaster zwischen Fischen), dann Knast. Später die Entdeckung: Der damalige Spitzel hat mit seinen alten Fähigkeiten Karriere gemacht im neuen Berlin. Er wurde Besitzer einer Wachfirma. Beim Versuch, ihm Angst zu machen und der eigenen verwundeten Seele Trost zu schaffen, kam es zur Schießerei, scheinbar mit Verwundeten auf beiden Seiten. Wenn schließlich einer der drei Eindringlinge mit Namen Keks, verbohrt bis zur Unmenschlichkeit in seinen Rachegedanken, offenbart, dass es gar keine weiteren Verletzten und damit auch keine Polizeiverfolgung gegeben habe, ist es zu spät. Das hilflos verzweifelte Showdown überlebt nur Keks, und die beiden Wessis schauen ohnmächtig zu.

Vor der Uraufführung dieses ersten Schauspiels von Thomas Brussig (nach der Dramatisierung seines erfolgreichen Romanerstlings "Helden wie wir" und dem "Monolog eines Fußballtrainers") gab es manche Querelen. Der Autor trat in Interviews als Retter der entrechteten Autoren auf und stritt mit Hochhuthschem Selbstbewusstsein für die Unantastbarkeit seines Theatertextes. Deshalb zeigte er sich, weil dieser Text auch in Mainz verändert wurde, nicht zum Schlussapplaus. Außerdem war die Uraufführung nur mit der vom Autor auserwählten Regisseurin zu haben.

Im kleinen Haus des Staatstheaters Mainz hat sich die junge Kirstin Ziller redlich bemüht, dem farblosen Sprech-Stück von Thomas Brussig Theaterleben einzuhauchen. In Volker Walthers sperrhölzernem, halbherzig verfremdetem Bühnenraum von ausnehmender Scheußlichkeit sieht man Ansätze zu Figuren, Entwicklungen und Beziehungen. Mehr nicht.

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