Kultur : Heimweh ist Fernweh

Warum Frankreich in Georgien liegt und umgekehrt: Otar Iosseliani und sein Film „Montag morgen“

Silvia Hallensleben

Ein Mann im Caféhaus. Gut vorstellbar, dass er nichts anderes zu tun hat im Leben als über Georgien und die Welt zu plaudern und sich ab und zu ein Schlückchen Whisky nachschenken zu lassen. Reden und trinken, grübeln und rauchen – kein schlechter Lebensinhalt für einen belesenen Mann, zumal für einen nicht mehr ganz jungen, der viel von der Welt gesehen hat und einige schöne Filme zu ihrem Wohlergehen beigesteuert. Doch so vollkommen der georgische Filmregisseur Otar Iosseliani den distinguierten Grandseigneur gibt, irgendwo hinter den wohlgesetzten Worten muss noch ein anderer Mann versteckt sein: der harte Arbeiter, der in mühseligen Produzentenverhandlungen und aufreibenden Dreharbeiten dafür sorgt, dass alle paar Jahre ein neuer Iosseliani das Licht der Welt erblickt. Denn der Produktionsrhythmus des Meisters ist beeindruckend: Acht Filme allein hat er seit 1984 realisiert, als er mit seinem ersten im Westen produzierten Film „Die Günstlinge des Mondes“ gleich den Spezialpreis der Jury in Venedig einheimsen konnte.

In seinen filmischen Anfangsjahren war der Takt langsamer, was an der Zensur und der schwerfälligen Verleihpraxis der Sowjetjahre lag. Vier Jahre dauerte es etwa, bis Iosselianis letzte georgische Produktion „Pastorale“ 1979 endlich in einigen sowjetischen Studio-Kinos zur Aufführung kam. Und „April“, sein erster Spielfilm, mit dem er 1961 die Filmschule abschloss, landete gleich im Giftschrank, obwohl er doch nur eine private Geschichte erzählte. Aber vielleicht war genau das das Problem.

1934 wurde Otar Iosseliani in Tiflis geboren, mitten im Stalinismus wuchs er auf, doch auch in bildungsbetontem Milieu und einer blühenden regionalen Filmkultur. Der begabte junge Mann ging nach Moskau, um Mathematik und Musik zu studieren. Doch schon bald glaubte er, nicht genug Talent zu besitzen, um als Musiker zu reüssieren. Und der Mathematik kehrte er den Rücken, nachdem er begriffen hatte, dass sogar der Kosmos der Zahlen nicht so ideologiefern war, wie er es sich gewünscht hätte. Da hatte er schon das Studium an der renommierten Moskauer Filmhochschule VGIK begonnen. Ende der Siebziger dann der nächste Abschied: in den Westen, nach Paris.

Ein Vorzeige-Dissident ist Iosseliani nie gewesen, weder vor noch nach seiner Ausreise. Dafür ist er wohl zu souverän, auch dem westlichen Kulturbetrieb stand er distanziert gegenüber. Einen Weltbürger könnte man ihn nennen, Exemplar einer aussterbenden Gattung, die es so vielleicht nur noch in seiner Generation gibt. Ein Kosmopolit – und ein leidenschaftlicher Patriot mit einem Heimatbegriff, wie er so pathetisch wohl nur Exilierten zusteht. Auch beim Gespräch in Berlin führen alle Fragen und alle Wege bald zurück in die georgische Heimat, wo nun wieder die 3000 Jahre alte Sprache gesprochen wird.

„Alle meine Filme sind georgische Filme“, sagt Iosseliani, und man muss sich nur zwei oder drei von seinen „französischen“ anschauen, um zu verstehen, was er damit meint. Denn auch wenn die meisten der Filme Ausgangspunkt und Zentrum in der französischen Provinz haben: Hinter den verwitterten Fassaden liegt selbst im Adelsschlösschen ein georgisches Dorf, das wiederum auch ein Dorf irgendwo sonst auf der Welt sein könnte.

Frankreich ist Georgien ist überall. Heimweh ist Fernweh. In Iosselianis neuestem Film „Montag morgen“ (Lundi matin) ist es die Sehnsucht nach diesem Fernen, das den Helden treibt, die Familie, das Heimatdorf und die Arbeit in der Chemiefabrik von einem Tag auf den anderen zu verlassen. Vincent flieht, und er landet am Ziel aller romantischen Fluchtträume, in einem venezianischen Palazzo. Doch schon bald steht er auch in der Lagune vor den Toren einer Chemiefabrik, die der heimischen täuschend ähnlich sieht.

Es ist eine schlichte und eine weise Botschaft, die Iosseliani hier verkündet. Abhauen hat keinen Sinn: Denn die Sehnsucht ist ein Seelenzustand, der zwar immer auf Erfüllung drängt, doch nie in dieser aufgehen kann. Mit dem Heimweh ist es ähnlich, weil es Heimat für Erwachsene nicht mehr gibt. Und vielleicht ist auch diese Erkenntnis für den Georgier Otar Iosseliani ein Grund, in Paris zu bleiben, und nicht nur die Tatsache, dass Filmgeld hier leichter zu beschaffen ist.

Georgische Filme aus Paris. Mit dem französischen Kino verbindet Iosseliani wenig, ja eigentlich nur ein Mann: Jacques Tati, der eigentlich Tatischeff hieß und dem Iosseliani in „Montag morgen“ in der Figur des radelnden Postboten ein lebendiges Denkmal setzt. Auch Tati erzählte Provinzgrotesken, die weit über das Provinzielle hinausgingen. Auch Otar Iosselianis Filme sehen wie Tatis Filme aus – als seien sie in einer Augenblickslaune auf die Leinwand geworfen, auch wenn jede Einstellung bis ins Detail penibel geplant ist und kunstvoll montiert wurde. Zu Hilfe kommt dem Regisseur dabei, dass er seine Filme selber schneidet und seit Jahren mit dem gleichen Team arbeitet. Mit dem Kameramann William Lubtchansky zum Beispiel, der auch fast alle Filme von Jacques Rivette fotografiert hat. Der Ausstatter Emmanuel de Chauvigny, auch er ein Rivette-Mann, hat in „Montag morgen“ eine Nebenrolle als trinkfreudiger Kosake, der Regisseur selbst gibt einen venezianischen Aristokraten. Und Hauptdarsteller Jacques Bidou, eigentlich Filmproduzent, ist hier in seiner ersten Rolle vor der Kamera zu sehen. Auch die anderen Darsteller kommen allesamt aus dem Bekanntenkreis des Regisseurs: Kein einziges bekanntes Schauspielergesicht ist dabei.

Iosselianis Kino ist melancholisch und doch heiter. Und es ist ein freundliches Kino, das den Zuschauer mit großzügiger Geste einlädt: Komm und schau. Und vielleicht hast du nachher ja sogar noch Lust, ein bisschen über das Gesehene nachzudenken. Manche Kritiker mögen dabei die psychologischer Tiefe oder spannende Handlungsbögen vermissen. Andere dagegen wollen seine Filme am liebsten immer wieder sehen. Nicht, weil sie beim ersten Mal unverständlich gewesen wären – sondern weil man sich sicher sein kann, auch beim nächsten Mal etwas Neues zu finden, das einen freut oder rührt. Iosseliani vergleicht das mit dem Musikhören: Kontrapunkt statt ödipaler Reise. Filme zum Immer-Wiedersehen. Vielleicht wäre er auch ein guter Komponist geworden.

„Montag morgen“ im Filmkunst 66, im fsk und in den Hackeschen Höfen (jeweils OmU)

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