Kultur : Heimweh

(til)

Alle sind sie in der Jetztzeit angekommen, die Kinderhelden von einst. Joseph Vilsmaier schickte das doppelte Lottchen als "Charlie und Louise" statt ins Kinderheim nach Schottland ins Internat zum Englisch-Unterricht. Caroline Link stellt "Pünktchen und Anton" anstelle des Kindermädchens Fräulein Anstand ein reizendes Au-pair-Mädchen an die Seite. Franziska Buch jagt "Emil und die Detektive" rappend durch Berlin. Nun ist die älteste Heldin an der Reihe: Heidi. Statt ins Frankfurter Bankenmilieu verschlägt es sie nach Berlin, zu einer überforderten Mode-Designerin samt rebellierender Tochter. Heidi nimmt per e-mail Kontakt zu dem zum Computerfreak mutierten Geißen-Peter in der Schweiz auf und geht ins Popkonzert. Trotz ihrer Beliebtheit ist das Heidi, wie Johanna Spyri ihre inzwischen 120 Jahre alte Heldin nennt, sicherlich am schwersten zu modernisieren - auch wenn es schon 18 Mal verfilmt wurde. Sind Lottchen, Pünktchen und Polly auf ihre Art kindliche Rebellen, die mit Witz, Frechheit und guten Freunden der Erwachsenenwelt trotzen, so ist Heidi einfach ein armes Hascherl.

Das Waisenkind, das von hier nach dort verschoben wird, nirgendwo zuhause ist und in der Großstadt vor Heimweh nach den Bergen krank wird, ist vor allem: unendlich brav. Daran ändern auch die blauen Haare in Markus Imbodens Neuverfilmung nicht viel. Cornelia Gröschels Heidi, die als blondes Naturkind Blumen pflückend durch die Bergwelt tollt, ist zu schüchtern, um wirklich aufzubegehren. Weder traut man ihr zu, dass sie sich Traktor fahrend gegen den arroganten Peter (Aaron Arens) durchsetzt, noch, dass sie der unfreundlichen Clara (Nadine Faro) jemals Paroli bieten kann. Dass der brummelige Almöhi ("Azzurro"-Star Paolo Villaggio) und die strenge Tante Dete (Marianne Denicourt) sie ins Herz schließen, glaubt man dagegen prompt. Beschützerinstinkte und ein wenig Mitleid weckt Heidi sofort. Sie ist ein liebenswürdiges, scheues Kind - nur ein wenig von gestern.

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