Hein-Roman "Weiskerns Nachlass" : Das Verwelken der Nelken

Christoph Hein sagt in seinem Roman „Weiskerns Nachlass“ die bitterböse Wahrheit über den akademischen Mittelbau

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Von seinem Fensterplatz aus beobachtet Rüdiger Stolzenburg die Propeller an einem Tragflügel. Zunächst surren sie noch gleichmäßig, doch dann setzt die Rotation aus, und sie stehen still, einer nach dem anderen. Stolzenburg, der ohnehin nur widerwillig an Bord des Billigfliegers gegangen war, um in Basel einen schlecht bezahlten Vortrag zu halten, gerät in Panik. Verbirgt sich hinter dem Stillstand der Antriebsschrauben ein Motorschaden, den außer ihm niemand bemerkt? Wann wird das Flugzeug abstürzen?

Mit dieser Frage hält die Exposition von Christoph Heins neuem, am heutigen Montag erscheinenden Roman „Weiskerns Nachlass“ plötzlich inne. Die Propeller, lateinisch-englisch für „Antreiber“, verharren regungslos, so wie Stolzenburgs ganzes Leben im Moment des imaginierten Absturzes auf der Stelle zu treten scheint.

Denn an seinem 59. Geburtstag wird der Teilzeit-Dozent für Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig seiner hartnäckigsten Illusion beraubt: Stolzenburg sei inzwischen zu alt, um noch auf die Umwandlung seiner halben Stelle in eine ganze zu hoffen, bescheidet ihn der Institutsleiter. Vielmehr müsse er dankbar für sein niedriges, aber regelmäßiges Einkommen sein, denn mittlerweile bange der gesamte Fachbereich um seine Existenz.

Dabei hatte ihm eben dieser Professor Schlösser fünfzehn Jahre lang eine volle Stelle in Aussicht gestellt. Hinzu kommt eine Nachforderung des Finanzamts in fünfstelliger Höhe, die Stolzenburg in Panik versetzt. Das Amt unterstellt ihm geheime Nebeneinkünfte beziehungsweise „Einnahmen jenseits der Bedürftigkeit“, da es sich offenkundig nicht vorstellen kann, dass ein Mann seines Bildungsniveaus derart bescheiden lebt.

Und da wäre neben der beruflichen Enttäuschung und der finanziellen Bedrohung – Stolzenburg sieht sich außerstande, eine derart hohe Summe aufzubringen – noch die dritte und vielleicht schlimmste Kränkung: Der passionierte und wenig wählerische Frauenliebhaber beobachtet mit Sorge die Alterung seines Körpers: „Keinesfalls sollte das Mädchen, wer immer es sein würde, bemerken, dass er sich verbarg, seine Blöße bedeckt hielt. Denn die zu verdeckende Blöße, das wäre dann nicht mehr nur jener kleine Zipfel zwischen den Beinen, das wäre der gesamte Körper, Bauch und Rücken, Kopf und Beine. Mit einer Hand, einem Feigenblatt ist das nicht zu verdecken, da braucht es einen dicken Bademantel, in den man sich, Kälte vorschützend, wickelt.“ An diesem bestimmten Tag, fürchtet er, würde ihm vom Schicksal endgültig die Tür „ins Aus, ins Nichts“ gewiesen.

Derartige Probleme des reiferen männlichen akademischen Lehrkörpers, dem Semester für Semester begehrenswerte Studienanfängerinnen angespült werden, verhandelten vor Christoph Hein auch schon Autoren wie Philip Roth („Das sterbende Tier“) oder J. M. Coetzee („Schande“). Doch sie taten es mit äußerster Unbarmherzigkeit, nicht mit dieser befreienden Selbstironie, diesem trockenen, zuweilen etwas steifen Humor, der Rüdiger Stolzenburg zu einer der gelungensten Romanfiguren im bisherigen Werk Christoph Heins macht.

Dazu trägt entscheidend der Schauspieler, Schriftsteller und Topograf Friedrich Wilhelm Weiskern (1711– 1768) bei, der als guter Geist über diesem hervorragend recherchierten, bitterbösen Zustandsbericht aus dem desillusionierten geisteswissenschaftlichen Mittelbau schwebt.

Friedrich Wilhelm Weiskern, sächsischer Pfiffikus und Mozart-Librettist am Wiener Hof, notierte: „Ich habe eine unaussprechliche Begierde, wieder einmal eine Komödie zu schreyben, denn die Amadé Musik ist der Schlüssel, der uns wahres Glück erschließt, aber die Komödien sind die Stützen meines Arsches.“ Dieser Übermut hat auch Heins Innenansicht des Weiskern-Biografen in spe Stolzenburg erfasst.

Der Dozent gilt als einer der wenigen Weiskern-Spezialisten und plant eine Gesamtausgabe, was allerdings ziemlich aussichtslos erscheint. „Gehen Sie mal in die Möbelhäuser, da werden Bücherregale gar nicht mehr angeboten. Tempi passati“, bescheidet ihn der Frankfurter Verleger Richter, ein schwer auslotbarer Kraftmensch, der nicht zufällig an Siegfried Unseld erinnert.

Stolzenburg dient dem „Gegenglück, dem Geist“, wie es bei Gottfried Benn heißt, und tut sich damit in der illiteraten kapitalistischen Gegenwart schwer. „Nach all den Jahren müßiger Mühe“ hat er seinen Ehrgeiz eingebüßt. Er beneidet seine wohlhabenden, ignoranten Studenten, ficht sinnlose Kämpfe mit korrupten Kollegen aus („eine kleine klebrige Wolke bösartiger Lust platzt über ihnen und besprüht sie beide“) und konzentriert seinen Forscherdrang ganz auf Weiskern.

Larmoyanz aber hat in diesem Roman keine Chance, denn die Jagd nach wertvollen Weiskern-Autografen befördert Stolzenburg in eine kriminalistische Burleske. Die Figurenzeichnung unterscheidet sich stark von dem eher eindimensionalen Autohändler „Willenbrock“ (2000), der im Nachwende-Berlin durch seine einem Einbruch geschuldete Sicherheitsneurose die schleichende Korrosion seines Ichs erlebt.

Doch das sind eben die Fährnisse der mimetischen Rollenprosa, die der 67-jährige Hein meisterlich beherrscht. Seine unbarmherzig genaue Einfühlung in den tristen Alltag einer allein stehenden Ost-Berliner Krankenhausärztin in der Novelle „Drachenblut“ (DDR-Titel: „Der fremde Freund“) hatte ihn 1982 in die vorderste Reihe der DDR-Schriftsteller befördert.

Seinen Ruhm als unbestechlicher Zeitdiagnostiker erneuert Christoph Hein mit „Weiskerns Nachlass“. Die Flugzeugpropeller, die Stolzenburg so in Angst versetzten, finden ihre Entsprechung in einem bunten Windrad. Der Held entdeckt es auf der Straße, als er sich frisch verliebt. Es wird ihm vom Balkon geweht, als die neue Liebe erste Anzeichen des Verwelkens zeigt. So feiert hier das Dingsymbol der klassischen Novelle seine Renaissance, formvollendet wie das gesamte Buch.

Christoph Hein: Weiskerns Nachlass. Roman. Suhrkamp

Verlag, Berlin 2011.

319 Seiten, 24,90 €.

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