Heiner Goebbels : Stimmen der Stille

Zwischen Eiswald und Klavierattacke bleibt alles offen in 80 Minuten: "Stifters Dinge" von Heiner Goebbels im Haus der Berliner Festspiele.

Volker Hagedorn
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Meditationsraum, menschenlos. Die Goebels'schen Apparaturen inszenieren die Stifter-Welt wie von allein. -Foto: Berliner Festspiele

Drei Plastiktanks schimmern fahl, metallische Klänge sind zu hören, ab und zu ein dumpfer Schlag, hinten im Dunkel glühen Leuchtdioden in rätselhaften Geräten. Die Seitenbühne des Festspielhauses ähnelt einem Industrielabor – es würde passen, wenn jetzt Männer in weißen Schutzanzügen kämen, um mit strahlenden Substanzen zu hantieren. Doch die beiden Herren, die große rechteckige Siebe herbeischleppen und mit Sand füllen, tragen die schwarze Montur der Bühnenleute. Es ist ein Experiment, das hier beginnt, und es soll ins Herz der Dinge führen. Nur wird man dort nicht Moleküle finden, sondern Stimmen und Einsamkeit. „Stifters Dinge“ heißt die Installation, die Komponist Heiner Goebbels und Raumgestalter Klaus Grünberg hier realisieren.

Stifter, Adalbert? Ist das nicht der sanfte, gründliche Naturbeschreiber, Lichtjahre entfernt von Goebbels’ Lieblingsdichter Heiner Müller, dessen berstende Texte uns der Komponist früher rüde auf die Ohren hämmerte? Hier wird, zum Auftakt der Reihe „Paradies jetzt“, Stifter neu entdeckt. Seine Schilderung eines im Eis erstarrten Waldes ist von radikaler Präzision und lässt sich auf die „Dinge“ ein – so fokussiert, dass es Goebbels faszinieren musste, der schon immer die Geräusche der Welt in seine Stücke hineingesampelt hat. Diesmal verzichtet er ganz auf lebende Akteure und Musiker. Die beiden Bühnenarbeiter sind die letzten Menschen, die wir sehen, sie treffen ihre Vorkehrungen in der Ruhe einer japanischen Teezeremonie.

Dann sind die Dinge sich selbst überlassen, und die Klänge. Sparsam hat Goebbels sie eingesetzt. Teils kommen sie aus den Boxen rings um die Bassins, teils aus Röhren, denen durch ferngelenkte Klappen dumpfe Bassschläge entlockt werden. Und immer häufiger tönt etwas von hinten, aus einem Gebirge dunkler Geräte – es sind fünf alte Klaviere, die sich selbst spielen, digital gesteuert. Eins bringt nur Restgeräusche hervor, wie eine kaputte Spieluhr, eins spielt dreistimmig Bach, eines spuckt ab und zu Dampf. Sie bilden, einer Jules Verne’schen Wundermaschine ähnelnd, das Artefakt, selbst schon brüchig, das an die Stelle der Natur getreten ist. Natur finden wir nur noch bei Stifter, im Eis erstarrt, im Eis brechend. Der Text ist aus dem Off zu hören und wirkt stark.

So stark, dass für eine Weile alles andere nur noch dekorativ wirkt. Goebbels hat da viel riskiert. Er hat Stifter nicht zerlegt, er kommentiert ihn klanglich kaum, die paar Laute, die man hört, wirken eher, als nähmen die Geräte diese intensiven Sätze zur Kenntnis. Und auf einmal wird deutlich, wie viel uns von Stifter trennt, von seiner völligen Versenkung in die eine Situation, in den Sog dieses eisstarren, vom Eis tönenden Waldes mit seinem „Klingeln und Geschiener, als ob unendliches Glas durcheinandergeschoben und gerüttelt werden würde“. Dem setzt Goebbels Fragmente wie kleine Wärmequellen entgegen. Teile eines Interviews mit Claude Lévi-Strauss, ethnische Gesänge, ein Burroughs-Zitat. Zeichen von Verlassenheit, die sich nicht zu etwas Ganzem fügen.

Es ist ja auch kein Werk, das hier entsteht, sondern ein Raum, in dem man Ruhe und Weite findet und wunderbare Bilder, Lichtkissen etwa, die durchs Wasser der Bassins schweben. Über sie gleitet die Klavierfestung nach vorn und steigert sich in ein rasendes, boogieähnliches Tastengewitter. Es ist, als wolle Goebbels nach so viel Meditation auch mal Spaß und Tempo haben. Wer darüber hinaus auch noch Sinn sucht, muss ihn sich schon selbst erdenken – denn zwischen Eiswald und Klavierattacke bleibt alles offen in diesen 80 Minuten. Es bündelt sich nichts. Aber wie seltsam geborgen fühlt man sich zwischen all den Fragmenten.

Wieder heute und vom 9.–11. Oktober

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