Kultur : Heiner Müller privat

Vor zehn Jahren starb Deutschlands großer Dramatiker. Jetzt zeigt Brigitte Maria Mayer bewegende Bilder von Liebe und Tod

Peter Laudenbach

Als schon älterer Mann hat Heiner Müller in einem Gedicht denkbar bitter eine frühe Kränkung mit seinem Ekel vor der Gegenwart kurzgeschlossen. Eine Kindheitserinnerung wuchs zum lebenslangen Schrecken. Die „böse Cousine, die mein Spielzeug zerbrach hinter dem Rücken“, wird für den alten Dichter noch im Rückblick zur monströsen Bedrohung. Das Kind, ungeschützt und vertrauensselig, hat den Fehler gemacht, sein Spielzeug nicht vor der Cousine zu verbergen: „ZEIG HER und ich zeigte es ihr und sie nahm es / Und ich hörte es knacken zwischen den Wurstfingern / sah ihr nicht zu vergessendes Lächeln.“

Was hier von dem nach Brecht bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker des 20. Jahrhunderts inszeniert wird, ist ein Schockmoment, ein Trauma, das fortwirkt. Das Ich lernt, sich mit Masken der Coolness zu panzern. „Heute noch / Das Knacken im Ohr vor Augen das nicht zu vergessende Lächeln / Rede ich schlecht über das was ich liebe.“ Spätestens hier kippt das scheinbar private Sprechen in eine politische Haltung. Das 1992, drei Jahre nach dem Kollaps der DDR veröffentlichte Gedicht formuliert eine Strategie, mit der Welt nach dem Ende der ideologischen Bezugssysteme umzugehen.

Utopische Sehnsüchte sind so zerbrechlich geworden wie früher das geliebte Spielzeug. Schützen kann der Dichter seine alten Träume nur, indem er sie verbirgt. Konsequent redet er im Spiel mit den Medien „schlecht über das, was ich liebe“. Mit der Wiedervereinigung hat „die böse Cousine“ gesiegt. „Jetzt sitzt sie vor mir und weiß von nichts / Der Schrecken ist kalt geworden Fleisch und Fett / Alltag Kindergeschrei Der Müll der Gattung“. Das ist Müllers Porträt der Bundesrepublik. Und die hat von ihm, der nun unter Schreibblockaden leidet, höchstens Sarkasmus zu erwarten. Der öffentliche Müller: ein Panzer aus Pointen, Zynismus und Zitaten.

Bald zehn Jahre nach dem Tod des Dichters am 30. Dezember 1995 ist jetzt ein erschütterndes Buch erschienen, das einen Blick hinter Müllers Panzerung erlaubt: „Der Tod ist ein Irrtum“. Ein Buch, das private Fotografien, Notizen, Textfragmente zu einer Collage des Abschieds montiert. Kommentarlos wird ein Konvolut aus Polaroids, Skizzen und Manuskripten ausgebreitet, das so souverän und ungeschützt von intimen Momenten erzählt, als gäbe es auf dieser Welt keine „bösen Cousinen“, die nur darauf lauern, Intimität mit voyeuristischer Gier aufzusaugen.

Man bekommt die Innenansicht einer Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann. Und Momentaufnahmen der Stationen eines grauenvollen Krebstodes. 1990, mit 61 Jahren, lernt Heiner Müller die 25-jährige Brigitte Maria Mayer kennen. Kurz darauf zieht sie zu ihm in die Erich-Kurz-Strasse in Lichtenberg, in Müllers DDR-Penthouse-Bunker. Zwei Jahre später heiratet das Paar, im November 1992 kommt die Tochter Anna zur Welt, die Familie zieht in eine Kreuzberger Fabriketage. Müller ist auf der Höhe seines Ruhmes, eine öffentliche Figur als Akademiepräsident, Intendant des Berliner Ensembles und Dauergast der Paris Bar. Brigitte Maria Mayer wirkt wie ein autarker Fremdkörper in dieser Welt, eine Künstlerin, die extreme Fotos macht und mit dem Theater, dem Müller-Hofstaat und dem Zirkus der Medien nichts zu tun hat. Müllers Ruhm verstärkt seinen Panzer aus Coolness und Distanz. „Wenn ich die Kritiken lese, komme ich mir vor wie ein Denkmal, das die Hunde anpissen“, kritzelt Müller an den Rand einer Zeitung. „Aber ich lebe noch. Ich bin kein Denkmal.“

Ein verliebtes Spiel zwischen Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller ist es, einander mit einer Polaroid-Kamera aufzunehmen, im Bett, nackt vor dem Spiegel, am Schreibtisch, noch nicht ganz wach in einem Hotelzimmer in Venedig. Diese privaten Polaroids montiert Brigitte Maria Mayer in ihrem Buch zu Serien und Bildsequenzen: ein Festhalten des verlorenen Moments. Die Diskrepanz zwischen dem privaten, ungeschützten Müller und dem sarkasmusgestählten Mr. Cool der Öffentlichkeit könnte nicht größer sein. Anrührend das Bild, das den Dichter im Bademantel zeigt, auf dem Arm die wenige Monate alte Tochter. Der Apokalyptiker der deutschen Literatur in einem Augenblick des Glücks. So hat Gerhard Richter Poloroid-Aufnahmen seiner Frau gemalt – Gemälde, die gleichzeitig Intimität festhalten und sie durch die Malerei schützen.

Brigitte Maria Mayer stellt in ihrem Buch diesen Schutz durch die Montage her. „In Deinen Augen grau/wächst meine Kindheit stirbt/mein Tod“, notiert Müller im Dezember 1991 „für Brigitte“. Später klingt das noch genau so dankbar, nur trauriger und ratloser: „Wie soll ich dir sagen, dass ich mit dir leben will / im Angesicht meines Todes der schon im Kalender steht / Und wartet auf mich mit ausgebreiteten Armen / Ich liebe dich und werde nie vergessen / Deinen ersten Blick / auf meine gierigen Hände / in meine gierigen Augen.“ Zu diesem Zeitpunkt weiß Müller bereits, dass er an Speiseröhrenkrebs erkrankt ist. Das Paar hält das gemeinsame Leben weiter mit Polaroids fest. Mayer fotografiert Müller als liebenden Vater und als sterbenden Mann. Eine Bildsequenz zeigt Müller im Krankenbett nach der Operation, abgemagert und erschöpft. Es sind gänzlich unsentimentale Fotografien, lakonisch und nüchtern wie Müllers Prosa. Weil Lakonie vielleicht die einzig mögliche Haltung ist, mit Trauer umzugehen. Der Dichter, der so viel über den Tod geschrieben hat, blickt stoisch in die Kamera. Auf einem der letzten Bilder sieht man Müller am Tag seines Todes. Sein Blick ist skeptisch und wach.

Brigitte Maria Mayer / Heiner Müller: Der Tod ist ein Irrtum. Suhrkamp Verlag 164 Seiten, 78 Euro.

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