Heino in Berlin : Deutschlands meister Sänger

Der Größte, Beste, Erfolgreichste: Wenn Heino über Heino spricht, ist alles Superlativ. Bei seinem Auftritt am Montag im Ifa-Sommergarten ist der allerdings nicht der ausverkaufteste. Trotzdem: Der Blick auf das, was da zwischen Star und Publikum passiert, ist auch nicht der uninteressanteste.

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Schau mal, da unten: Beim Performen in Berlin behält Heino den Text im Auge.
Schau mal, da unten: Beim Performen in Berlin behält Heino den Text im Auge.Foto: Geisler-Fotopress

Ja, das war toll! Die Idee, den Schlagersänger Heino Popsongs von den Ärzten bis Rammstein singen zu lassen, war super. Mit dem im Frühjahr erschienenen Album „Mit freundlichen Grüßen“ wurde das popkulturelle Zeichen, das Heino auch als Spießer-Ikone schon war, einfach umgedreht – und eine Reihe feiner Fragen aufgebracht: Worin besteht die Differenz zwischen Pop und Schlager? Gibt es überhaupt einen eindeutigeren Popstar als Heino, der schon so lange „larger than life“ ist, mehr Projektionsfläche als Sänger, mehr Image als Interpret, bei dem Blondhaar und Sonnenbrille wichtiger sind als einzelne Lieder?

Nicht zuletzt: Was ist heute, da auch die von Heino gecoverte Jugendkultur in die Jahre gekommen ist, überhaupt noch spießig? Bereits 2002 bemerkte der Essayist Max Goldt, es sei eigentümlich, dass Spießer noch immer mit „dem bereits zu Tode karikierten ,röhrenden Hirsch’ über dem Sofa“ dargestellt würden. Hochtrabend ließe sich sagen: Bei der Verwirrung, dass Spießigkeit heute ganz anders auftritt als auf Abziehbildern einer vergilbten Kulturkritik, setzt auch der popsingende Heino an. So wird er zur künstlerischen Intervention, über die noch kulturwissenschaftliche Arbeiten zu schreiben sein werden. Das ist für alle, die das Nachdenken über Kultur nicht allein der Opernkritik überlassen wollen, eine gute Sache.

Die Frage ist nur: Muss Pop-Heino auch weiter auftreten? Denn er ist ja trotzdem immer noch Heino, ausgestattet mit dieser durch kein Jota Selbstironie aufgelockerten Kombination aus Eitelkeit und Larmoyanz, aus „Das ist das Geheimnis meines Erfolgs“ und „Meine Kritiker sind nur neidisch“. Das ließ sich zuletzt in zahlreichen Interviews bestaunen, in denen Heino sich 2013 als Erlöser jener „jungen Leute“ inszenierte, die ihn angeblich mehr lieben als jeden sonst, nur eben nicht sein altes Liedgut.

An diesem Montag ist der Ifa-Sommergarten auf dem Berliner Messegelände allerdings nur zur Hälfte gefüllt. Was Heino seinem Publikum bietet, hat auch nichts von der Leichtigkeit des Plattencoups. Allein, wie dessen kommerzieller Erfolg in der Ansage ausgeschlachtet wird, wie alles das Meistverkaufte, Größte, Erfolgreichste ist! Echt Heino eben, nicht das lässige Pop-Phänomen, sondern nur der in die Jahre gekommene Schlagersänger, Stammvater der Michael Wendlers dieser Welt; derer, die ihren künstlerischen Erfolg und ihre Lebensleistung über CD-Verkäufe quantifizieren, um zu dem Ergebnis zu kommen: „Ich bin der Beste.“

Der Star als Vorlagengeber

Wo viel Ego ist, ist musikalisch oft nicht so viel zu erzählen, so auch hier: Es gibt einen zum Ende des zweistündigen Sets zunehmend Richtung Schlager tendierenden Mix aus Pop-Covern und Heino-Klassikern. Die Band spielt nett, Bläser und Backgroundsänger können was und haben Spaß. Der Meister steht meist starr im schwarzen Mantel und mit goldener Kette in der Bühnenmitte. Die Augen hinter der Sonnenbrille kleben am Teleprompter, der von den Stage-Kameramännern einmal zu oft hastig überschwenkt wird, um den stetigen Blick Heinos nach vorn-unten als Zeichen der Versunkenheit durchgehen zu lassen. Ebenfalls abgelesen: die Moderationen, mit denen Heino sich einmal mehr als der präsentiert, der überall zuerst war und alles auch schon vor „den Rockern“ gemacht hat. Dem, um es auf gut Deutsch zu sagen, nicht nur Rammsteins „Sonne“ aus dem Hintern scheint.

Interessanter ist das Publikum, ein Mix aus gesetzteren Herrschaften und urbanen Jung-Ironikern. Während der Lieder wird mit dem Handy gefilmt – man will das wohl alles weniger erleben als es später zu „haben“. Allein in den Liedpausen entwickelt sich mit „Heino“-Sprechchören eine bemerkenswerte Aktivität direkt vor der Bühne, wo vor allem partyfrohe Jugend steht. Man hört sich da offenbar gern und ausdauernd selbst, während Heino – „Danke, liebe Freunde!“ – grinsend kontraproduktive Beschwichtigungsgesten vollführt. Auch das ist Stoff für Studien: über den Star als Katalysator von Selbstinszenierung, als Vorlagengeber für narzisstische Aktivität.

Das alles ist ein Super-Geschäft: Der eine fühlt sich gefeiert, die anderen nehmen ihn zum Anlass, sich gleich auch selbst zu feiern. Und obendrauf gibt’s ja noch mehr: etwa das knackige Groteskrock-Brett von Knorkator, nach eigener Aussage Deutschlands „meiste Band der Welt“ – zur Abwechslung mal ein sympathischer Superlativ! Wie sich da im Vorprogramm vier teils leicht bekleidete, teils schwer tätowierte Herren vom freakigen Rand des Mainstreams binnen 30 Minuten ins Herz eines ganzen Heino-Publikums toben – das ist schön, das ist vielleicht sogar: Rock’n’Roll! Und auch bei Heino ist anschließend ja nicht alles unschön. Immerhin zeigt der auch live noch einmal, dass es einigen Popsongs wie etwa Herbert Grönemeyers „Was soll das“ tatsächlich gut tut, einmal frei heraus vom Bariton der Nation geschmettert zu werden.

Und dann sind da ja noch die Paare im Publikum, die die Leere zum Disco-Foxen nutzen. So sichtlich seit Jahrzehnten vertraut, wie da manche umeinander kreisen, das ist schön, schöner, für Heino: am schönsten.

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