• Heinrich-Himmler-Dokumentation „Der Anständige“: Der Massenmörder als Biedermann

Heinrich-Himmler-Dokumentation „Der Anständige“ : Der Massenmörder als Biedermann

Kann ein Massenmörder ein anständiger Mensch sein? Heinrich Himmler hat diese Vokabel für sich beansprucht. Vanessa Lapa zeigt ihn in ihrer Doku "Der Anständige" erschreckend, verstörend - privat.

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Familienfoto im Valepp.
Familienfoto im Valepp.Foto: dpa

Der Titel wirkt verstörend. „Der Anständige“, so hat die Regisseurin Vanessa Lapa ihren Dokumentarfilm über Heinrich Himmler genannt. Aber ein Massenmörder kann kein anständiger Mensch sein. Doch genau das hat Himmler für sich beansprucht, das Wort „anständig“ gehörte zu seinen Lieblingsvokabeln. In seiner berüchtigten Posener Geheimrede vom Oktober 1943 sagte er vor 200 NS-Würdenträgern: „Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ Den Völkermord an den Juden verklärt dessen Organisator zum „Ruhmesblatt“ und schwört seine Mittäter darauf ein, darüber zu schweigen.

Das Prinzip der Verstörung ist Stilmittel des Films

Kein Wunder, dass der „Anstand“ bei den 68ern in Verruf geriet und fortan zu den „Sekundärtugenden“ gerechnet wurde, mit denen man auch ein Konzentrationslager betreiben könne. Die Sequenz, in der der Schauspieler Tobias Moretti, der alle O-Töne Himmlers liest, die Passage aus der Posener Rede vorträgt während dazu alliierte Farbaufnahmen aus einem gerade befreiten Vernichtungslager zu sehen sind, gehört zu den beklemmendsten Momenten des Films. Denn hier ist tatsächlich zu spüren, was es heißt, „wenn 1000 Leichen beisammenliegen“. Der Zuschauer blickt auf Berge aus toten Körpern und auf die wenigen Überlebenden, die zu lebenden Skeletten abgemagert sind.

Das Prinzip der Verstörung ist das Stilmittel dieses Films. So erschreckend die Bilder, so schrecklich harmlos meist die Texte. Denn alle Äußerungen gehen auf private Aufzeichnungen Himmlers und seiner Familie zurück, dazu kommen einige seiner Reden und Befehle. Filmemacherin Vanessa Lapa, Tochter von Holocaust-Überlebenden, hatte 2006 in Israel ein Konvolut von Briefen, Fotografien und Tagebüchern erworben, das ein US-Soldat kurz nach Kriegsende aus der Villa des „Reichsführers-SS“ am Tegernsee gestohlen hatte. Himmler wird nicht erklärt, es geht auch nicht um die Entwicklungsgeschichte der „Endlösung“. Aber „Der Anständige“ zeigt, wie nahe das Böse und das Biedere einander sind. Ein ähnliches Konzept hatte Lutz Hachmeister mit seinem Film „Das Goebbels-Experiment“ umgesetzt, der ausschließlich aus Goebbels-O-Tönen bestand. Nur war Goebbels ein weitaus besserer Autor als Himmler.

Vom "guten Liebchen" und "Heini"

Himmler nennt seine Frau Marga „gutes Liebchen“, sie ihn – gesprochen von Sophie Rois – „Heini“. Vieles, was die Familienmitglieder einander mitzuteilen haben, wirkt banal. Doch immer wieder sind Sequenzen entlarvend. Etwa, wenn die zwölfjährige Tochter Gudrun einen Besuch im KZ Dachau im euphorischen Tonfall einer Klassenfahrt beschreibt. Heute, erfährt man im Nachspann, lebt sie in München und engagiert sich in der Organisation „Stille Hilfe“ für inhaftierte Alt- und Neonazis.

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