Heinrich von Kleist in Frankfurt (Oder) : Das Summen der Sprache

Das Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) hat im Herbst einen Erweiterungsbau bekommen - und eine neue Dauerausstellung gleich dazu. Auf den Spuren eines Phantoms.

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Blick in die neue Dauerausstellung.
Blick in die neue Dauerausstellung.Foto: dpa

Sie schimmern in der Dunkelheit wie Sternchen im All – und sind doch eigentlich Gedankenblitze: weißgelb leuchtende Info-Tafeln in Form von aufgeschlagenen Büchern. Der Besucher steht vor ihnen wie ein mittelalterlicher Gelehrter an seinem Pult, liest, blättert einige Seiten um. Es ist still im Raum, nur die Elektronik sirrt leise vor sich hin. Man könnte es auch als das Summen der Sprache interpretieren. Denn darum geht es in dieser Installation, die am Anfang der neuen Dauerausstellung „Rätsel. Kämpfe. Brüche“ im Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) steht: um die sperrige, widerspenstige, gewalttätige, in ihrer Modernität unheimliche, einzigartige Sprache Heinrich von Kleists.

Für die 60 000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Polen ist Kleist Lokalheld und Identifikationsfigur, obwohl er nur die ersten 14 Jahre seines Lebens hier verbracht hat. Das Museum ist in einem kleinen barocken Bau wenige Schritte vom Oderufer entfernt untergebracht, eine ehemalige Garnisonsschule für Soldatenkinder, entstanden 1777. Zwar hat der im gleichen Jahr geborene Kleist diese Schule nie besucht. Er könnte aber durchaus regelmäßig an ihr vorbeigelaufen sein, denn das im April 1945 zerstörte Geburtshaus Kleists stand nur wenige hundert Meter entfernt.

Unter Platzmangel litt das Museum schon lange. Im Oktober wurde nun ein Erweiterungsbau unter Federführung des Berliner Büros Lehmann Architekten eröffnet. Die Kosten von 5,3 Millionen Euro teilen sich Bund, Land Brandenburg und die Stadt. Im Neubau finden unter anderem Arbeitsräume, Bibliothek und ein Veranstaltungsraum Platz, außerdem die Sammlung des Museums, die bisher andernorts gelagert war. Die grauen Steine aus Wachenzeller Dolomit und die strengen vertikalen Fensterschlitze des Neubaus brechen bewusst mit der barocken Fassadensprache des Altbaus.

Kleist hat so gut wie keine persönlichen Gegenstände hinterlassen

Im Zuge der Erweiterung hat Kuratorin Barbara Gribnitz auch gleich eine neue Dauerausstellung konzipiert – die inzwischen vierte, seitdem das Museum 1969 als „Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte“ eröffnet wurde (eine noch ältere Schau befand sich seit den zwanziger Jahren im Geburtshaus).

Die Vorgängerausstellung von 2000 hatte ihr Heil noch in der Rezeptionsgeschichte gesucht und vor allem präsentiert, was Kleist ganz konkret und materiell im Kulturleben hinterlassen hat: Theaterzettel, Bühnenbilder, Fotos von Darstellern, Textausgaben. Die neue, vom Berliner Designbüro Panatom gestaltete Ausstellung geht völlig andere Wege.

Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass Literatur nicht das ist, was man gedruckt auf Papier lesen oder sonstwie visuell wahrnehmen kann, sondern was im Kopf entsteht. Biografische Objekte bleiben also immer unzulänglich. Da Kleist zudem so gut wie keine persönlichen Gegenstände hinterließ und kein authentischer Ort zur Verfügung steht – anders als bei Goethes Wohnhaus in Weimar oder dem Buddenbrookhaus in Lübeck –, ergibt es keinen Sinn, sein Leben anhand von Objekten re-inszenieren zu wollen, in der Hoffnung, damit auch Aufschlüsse übers Werk zu bekommen. Die neue Ausstellung trennt deshalb strikt zwischen Werk (im Neubau) und Leben (im Altbau). In dieser Radikalität hat das bisher in Deutschland noch keine Literaturausstellung unternommen.

Entsprechend abstrakt geht es los. Jede der leuchtenden Büchertafeln zu Beginn des Parcours widmet sich einem anderen Aspekt von Kleists Sprache. Etwa seinem oft extrem komplexen, verschachtelten Satzbau: Abbild einer schon um 1800 immer undurchdringlicheren Welt, die häufig plötzlich umschlägt mit der bei Kleist beliebten Formulierung „dergestalt, daß...“.

Gebrochener Barock. Der Erweiterungsbau des Kleist-Museums neben der historischen Garnisonsschule von 1777.
Gebrochener Barock. Der Erweiterungsbau des Kleist-Museums neben der historischen Garnisonsschule von 1777.Foto: picture alliance / dpa

Oder die Zeichensetzung, die in früheren Ausgaben geglättet wurde(auch in der von Helmut Sembdner, auf der die Reclam-Ausgaben basieren), inzwischen aber als integrativer Teil von Kleists Stil anerkannt ist: „Die Arbeiter pflegen, bei großen Blöcken, wenn sie mit Werkzeugen nicht mehr hinzu kommen können, feste Körper, besonders Pfeifenstiele, in den Riß zu werfen, und überlassen der, keilförmig wirkenden, Gewalt dieser kleinen Körper das Geschäft, den Block völlig von den Felsen abzulösen“ (aus „Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten“). Kleists Kommata zwängen sich selbst wie Keile in den Text, um Sinneinheiten aus ihm heraus zu lösen.

Ebenfalls thematisiert wird hier seine Kunst der Stauung und damit Steigerung von erzählerischer Spannung, indem er Ereignisse gleichzeitig ablaufen lässt: „Kohlhaas, während er das, ihm auf den Wink des Erzkanzlers eingehändigte Conclusum, mit großen, funkelnden Augen überlas, setzte die beiden Kinder, die er auf dem Arm trug, neben sich auf den Boden nieder.“

Danach durchquert der Besucher einen Wald aus Stangen. Der wellenförmig gestaltete, unregelmäßige Boden verunsichert, er führt zu Schwankungen beim Gehen, vermittelt ein Gefühl für die beschwerliche Wanderung durch Kleists Texte. Statt eines Audioguides bekommt man einen Tablet-Computer ausgehändigt mit vertiefenden Informationen, die automatisch geladen werden, je nachdem, an welcher Position man sich gerade befindet. Vier Begriffe zum Verständnis des Kleistschen Kosmos begegnen dem Besucher hier immer wieder: Zufall, Recht, Identität und Gewalt. Streift er an unsichtbaren Sensoren entlang, werden Hörzitate ausgelöst, etwa aus „Penthesilea“. Es sind Versuche, die Worte selber zu ihrem Recht kommen zu lassen, ohne auf Objekte zurückgreifen zu müssen.

Die historische Figur Kleists entzieht sich dem Zugriff stets aufs Neue

Konkreter, auch traditioneller geht es im Altbau zu, der über einen Glasgang erreicht wird. Fünf Räume (Jugend, akademische Ausbildung, Reisen, Herausgeber der Zeitschriften „Phoebus“ und „Berliner Abendblätter“, Selbstmord) sind der Biografie Kleists gewidmet, der nach seinem Weggang aus Frankfurt nie länger als eineinhalb Jahre an einem Ort verbracht hat. Ein rastloses Wanderleben, von dem nur sehr wenige Zeugnisse erhalten sind – im Gegensatz etwa zu Goethe, der über 50 Jahre in Weimar geblieben ist und sich und seine Zeit immer wieder ausführlich reflektiert hat, in Tagebüchern, Reiseberichten und nicht zuletzt seiner Autobiografie.

Bei Kleist muss man schon froh sein, wenn Handschriften existieren. Nur zwei Dramen liegen vollständig im Manuskript vor („Der zerbrochne Krug“ und „Die Familie Schroffenstein“, in der Berliner Staatsbibliothek). Alle anderen Texte sind nur im Druck überliefert. Ob Kleist die Handschriften verbrannt hat? Man weiß es nicht. Außerdem gibt es noch 172 Briefe, acht davon im Besitz des Kleist-Museums. Die Originale sind aus konservatorischen Gründen eingelagert, sollen aber ab April in einer Sonderausstellung gezeigt werden. Was man sieht, sind (sehr gut gemachte) Faksimiles, Kopien, Reproduktionen.

Es ist die Spurensuche nach einem Phantom. Da ist der Taufeintrag im Kirchbuch. Der Matrikeleintrag zum Studium an der Viadrina vom 10. April 1799. Und die berühmte Miniatur von 1801, das einzige als authentisch geltende Abbild Kleists. Solche kleinformatigen Porträts waren damals als Geschenk hochbeliebt – so wie man heute ein selbstgeschossenes Foto auf Facebook hochlädt. Das Original der Miniatur lagert ebenfalls in der Berliner Staatsbibliothek, ein unbekannter Künstler hat sie in den 1830er Jahren kopiert, eine Kopie dieser Kopie ist wiederum in der Ausstellung zu sehen. So entzieht sich die historische Figur Kleists dem Zugriff stets aufs Neue.

Der letzte Raum ist der kleinste, aber wirkungsvollste. Klug arrangierte Stellwände vermitteln einen 180-Grad-Panoramablick von jenem laubbedeckten Abhang am Kleinen Wannsee, an dem Kleist am 21. November 1811 erst seine Begleiterin Henriette Vogel erschoss und dann sich selbst. Vom Band läuft der Polizeibericht der Wirtin, die die beiden zuletzt gesehen hat. Dazu eine lesenswerte Analyse des Selbstmords und seiner Bewertung, die sich just zu jener Zeit von moraltheologischen Vorstellungen zu lösen begann und zunehmend medizinisch fundiert wurde. Einen Ausweg bietet der Raum nicht. Er ist eine Sackgasse.

Kleist-Museum, Faberstraße 7, Frankfurt (Oder), Di-So 10-18 Uhr, www.heinrich-von-kleist.org

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