Heins RAF-Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" : Mein lieber Vater!

In den Untiefen der Westgeschichte: Christoph Hein erzählt von der RAF

Harald Martenstein

Was immer das Wort „groß“ in Bezug auf Literatur bedeuten mag: Christoph Hein jedenfalls gehört zu der kleinen Gruppe der großen deutschen Autoren, wie Günter Grass, Martin Walser oder Christa Wolf. Man muss diesen Satz aufschreiben, weil es im Zusammenhang mit der Besetzung des Chefpostens im Deutschen Theater Berlin, für den Hein im Gespräch war, eine sehr unschöne Art des abfälligen Sprechens über Hein gegeben hat. Christoph Hein hat mit „Drachenblut“, „Der Tangospieler“ und „Landnahme“, neben ein paar weniger gelungenen Werken, mindestens drei Bücher geschrieben, die sehr wahrscheinlich bleiben werden von der deutschen Literatur dieser Zeit und die man auch noch in einigen Jahrzehnten lesen wird. Wer erreicht das schon?

Christoph Hein ist allerdings kein Selbstdarstellungsartist – das hat man bei seinem ungeschickten Rückzug aus dem DT-Schlamassel sehen können, kein in sich selbst ruhender Markenartikel wie Grass, Walser oder Wolf. Er steht weder eindeutig für DDR-Dissidenz noch für Nostalgie, er ist kein Talk-Talent. Er gehört zu der Generation, die 1989 zu alt war, um jemals ganz in der Bundesrepublik anzukommen, und zu jung, um es sich in ihren Erinnerungen gemütlich zu machen. Eine verlorene Generation, anfällig für Bitterkeit.

Hein hat jetzt ein Buch über den westdeutschen Terrorismus geschrieben. Schwer zu sagen, ob es sich bei „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ um einen Roman handelt oder um eine literarisch verfremdete Dokumentation. Hein behauptet Ersteres. Er rekonstruiert aber sehr genau, sehr nahe an der Wirklichkeit die Vorfälle in Bad Kleinen 1993, wo der Terrorist Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella auf einem Bahnhof erschossen wurden. Sehr wahrscheinlich hat der Staat über dieses Ereignis nie die volle Wahrheit gesagt. Viele Indizien deuten auf Vertuschung, nicht auszuschließen ist, dass es eine Art Hinrichtung von Grams durch die Polizei gegeben hat. Das Buch erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von Grams’ Vater, der hier Richard Zurek heißt, pensionierter Gymnasialdirektor ist und mit verzweifelter Hartnäckigkeit versucht, in einem juristischen Verfahren die Ehre seines Sohnes wiederherzustellen, der ein Mörder sein soll, aber wahrscheinlich keiner ist. Wie der „Spiegel“ behauptet, hat Hein den echten Grams-Vater vor der Veröffentlichung das Manuskript auf Richtigkeit gegenlesen lassen.

Was Hein an diesem Stoff reizt, wird rasch klar. Es geht ihm darum, die Selbstgefälligkeit der Bundesrepublik zu erschüttern. Ein Staat, der die Staatsraison über die Wahrheit stellt, dessen Justiz nicht fair ist, der Lügen deckt, in dem der Einzelne gegen die Mächtigen kaum eine Chance hat – kommt einem das alles nicht bekannt vor? So gesehen, ist auch dies ein Buch über die DDR, die zwar gar nicht erwähnt wird, im Spiegel der bigotten Bundesrepublik aber plötzlich besser aussieht, zumindest ähnlicher. Es gibt im Westen Vertuschung und Rechtsunterdrückung, die es so ähnlich auch im Osten gab, der Staat hat auch im Westen immer Recht: Diese These kann man richtig oder falsch finden, wichtiger ist die Tatsache, dass Christoph Hein überhaupt einen Thesenroman geschrieben hat, eine Wiederbelebung des fast ausgestorbenen Genres „engagierte Literatur von links“.

Mit der engagierten Literatur verhält es sich so, dass sie hin und wieder etwas bewegt hat, aber selten Bücher hervorbringt, die man nach ein paar Jahren ein zweites Mal liest. Ihre Personen sind zum Leben erweckte Thesen, echte Menschen sind anders. Zu den wenigen Beispielen geglückter engagierter Romane der letzten Jahre gehören die Anti-68er- Pamphlete von Michel Houellebecq, weil ihre Hauptfiguren amoralisch schillern. Sie sind wenig sympathisch, trotzdem erlauben sie Identifikation. Bei Hein läuft es anders herum. Zurek, der Vater, ist so eindimensional, so abgrundlos, erzgut und bieder, dass er, obwohl ihm übel mitgespielt wird, als literarische Figur nur Langeweile weckt – ein positiver Held der negativsten Art.

Es fehlt auch der interessante, starke Gegenspieler. Die Schwester des getöteten Terroristen vertritt am ehesten die Stimme des Staates, sie ist eine karrieregeile, dummdreiste Zicke, für die sich Interesse oder Empathie beim besten Willen nicht aufbringen lassen. Bei der Schilderung der Terroristen und ihrer Motive entsteht bei Hein das naive Bild irregeleiteter, idealistischer junger Menschen. Daran ist ja etwas Richtiges, aber die Menschenverachtung dieser Gruppe sollte man vielleicht nicht ganz unter den Tisch fallen lassen. Heinrich Böll war, verglichen mit Hein, ein gnadenloser Kritiker der RAF.

Mit seinen Figuren geht Christoph Hein also ähnlich unfair um wie der westdeutsche Staat mit der Familie Grams. Er gibt der Gegenseite keine Chance, er lässt sie nicht zu Wort kommen. Hein erzählt überdies auf eine betuliche, temperamentlose Weise, die nichts gemein hat mit der vielstimmigen Konstruktion von „Landnahme“.

Christoph Hein hat seinen wichtigen Büchern diesmal kein weiteres hinzufügen können. Vielleicht wird er nun sagen, dass die Ablehnung seines Romans politisch begründet sei, man wolle einfach die unbequeme Botschaft nicht hören und versuche deswegen, ein Meisterwerk kleinzureden. Sein Buch ist aber nicht zu unbequem, sondern zu bequem.


Dieses Buch bestellen Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2005. 272 Seiten, 17,90 €.

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