Heinz Helles Debüt : Urbaner Frust

Liebe und Bewussteinsphilosophie: Heinz Helles veröffentlicht seinen Debütroman "Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin"

Anne-Sophie Balzer
Philosophiestudium in München, Literaturstudium in der Schweiz. Der 1978 geborene Heinz Helle bei seinem Auftritt in Klagenfurt anlässlich des Bachmann-Wettbewerbs 2013.
Philosophiestudium in München, Literaturstudium in der Schweiz. Der 1978 geborene Heinz Helle bei seinem Auftritt in Klagenfurt...Foto: Wikipedia

Dieser Typ ist ein Arschloch, ein blasierter Chauvi. Ein Anti-Held, wie er im Buche steht – in Heinz Helles Debütroman „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“. Doktorand der Philosophie ist er, und als solcher geht er für ein Semester nach New York, wo er einen Vortrag über das Bewusstsein halten soll. Er hat eine Freundin in Deutschland, sie wird ihn besuchen, die Beziehung zerbricht. Er trinkt viel, hat mit fremden Frauen Sex, arbeitet wenig.

Die Lektüre dieses Buches ist deprimierend, weniger wegen der Geschichte, sondern wegen der lakonischen Sprache, in der von all dem erzählt wird. Das Dilemma der schwindenden Liebe beschreibt der Philosoph folgendermaßen: „Wir haben Sex. Zunächst mehrmals am Tag, dann mehrmals die Woche, dann mehrmals am Wochenende, dann einmal pro Woche. Wir finden es beide gut, versichern wir einander, es wird eben weniger, es gibt viel zu tun, wir haben Stress, und ab und zu möchte man ja auch mal ein paar Freunde sehen.“

Hinzu kommt die selbstmitleidige Teilnahmslosigkeit, mit der sich der Erzähler beobachtet. Die Handlung dieses Romans ist vor allem als Folie zu verstehen, vor der Helle dem Erzähler seine Überlegungen zum Ich, zu Bewusstsein, Wahrnehmung und Erleben eingibt. Helles Roman ist ein ungebändigter Gedankenstrom, eine Aneinanderreihung von wissenschaftlichen und philosophischen Beobachtungen.

Immer wieder kreuzen sich Alltagsbeobachtungen mit philosophischen oder naturwissenschaftlichen Erkenntnissen von dem, was man weiß, und dem, was man glaubt, zu wissen. Der Doktorand wird keine Theorie über das Bewusstsein vorlegen, das ahnt man gleich. Aber auch wenn er alles gegen die Wand fährt, ist er großen Fragen auf der Spur. Seine Beobachtungen über sich und ein bisschen auch über die Welt, lesen sich als scharfsinniger und deprimierender Einblick in das Leben eines Menschen, der offenbar zu intelligent ist, um glücklich zu werden. Helle ist an diesen Stellen nah dran an der jungen urbanen Seele, die nicht zur Rast kommen kann zwischen den vielen Ansprüchen, die sie an sich selbst stellt, an andere und andere an sie.

Am Ende kann sie sich nur beim Biertrinken und Fußballgucken richtig gehen lassen. Und doch muss mehr drin sein: „Dass ich andere Frauen ficken will, heißt weder, dass sie hässlich ist, noch, dass ich krank bin, noch, dass wir nicht bis an unser Lebensende zusammen glücklich sein können und gemeinsam sterben werden“. Endlich emotionale Regung. Nur hat das Ich für sich allein entschieden, das Du und das Wir wurden nicht gefragt.

Heinz Helle: Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 158 S., 18, 95 €

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