Kultur : Heinz Holliger zu Gast ... mit ein bisschen viel Brecht

Eckart Schwinger

Bei einem Klasse-Ensemble wie dem Chamber Orchestra of Europe und einem dirigierenden Komponisten wie Heinz Holliger schmerzt es gewiss besonders, wenn wieder einmal nichts Neues gespielt wird. Die interpretatorischen Neuentdeckungen des Abends aber entschädigten. Bei der e-Moll-Symphonie Nr. 44 von Joseph Haydn etwa ließ Holliger von Anfang an die Funken sprühen: Affektgeladene Klangintensität und knisternde Exaktheit gaben den Ton an. Kraft seiner energiestrotzenden, bisweilen sturzbachartigen Interpretation führte Holliger die landläufige Bezeichnung "Trauersinfonie" regelrecht ad absurdum. Die bewusst angepeilte Schroffheit allerdings trieb er doch etwas zu penetrant auf die Spitze. Dass gerade dieser Effekt einer Abnutzungsgefahr unterliegt, blieb keineswegs verborgen. Holliger, der selbst kühn komponiert, hebt als Dirigent noch die kleinsten Harmoniewendungen seiner Vorfahren, die kleinsten schmerzlichen Akzente und klangfarblichen Delikatessen unmissverständlich hervor. Das klingt bisweilen arg nach gestischem Vorzeigetheater à la Brecht, als definierte hier ein Regisseur der Opernbühne nur die konträrsten Befindlichkeiten und Kulminationspunkte seiner Figuren.

Schon bei der Haydn-Sinfonie zeigte Holliger mit greifbarer Deutlichkeit, wie sich im Allegro con brio die rasenden Skalen als fast sichtbare musikalische Bedeutungsträger entpuppen, oder wie im Presto sich die Spannungsfelder aufgrund der kontrapunktischen Verdichtungen aufs Äußerste verschärfen. Keine Spur von einem üblichen Kehraus, zumal Holliger, der Sandor-Veress-Spezialist, die Staccati auf rassigen tänzerischen Drive trimmte, so dass das Ganze schließlich in atemberaubender Vehemenz dahinbrauste. Mit kleinen kantablen Zaubereien hingegen überraschten das Chamber Orchestra of Europe und seine vorzüglichen Solisten Douglas Boyd (Oboe), Matthiew Wilkie (Fagott), Lukas Hagen (Violine) und William Conway (Violoncello) anschliessend bei Haydns Sinfonia concertante in b-Dur. Verlierer gab es bei diesem Wettstreit zwischen Solisten und Orchester, bei dem Heinz Holliger scharfsinnig die Richtung angab, auf beiden Seiten nicht, nur glückhaft strahlende Gewinner.

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