Kultur : Heinz Mack in Teheran

Michaela Nolte

Wir wissen nicht, was der Geheimrat zu Heinz Macks "Buch der Bilder zum West-östlichen Divan von Johann Wolfgang von Goethe" gesagt hätte. Großen Anklang fand der illustrierte Prachtband jedenfalls beim iranischen Staatspräsidenten: Mohammed Khatami empfahl den Mitbegründer der Künstlergruppe ZERO dem Direktor des Teheraner Museums für Zeitgenössische Kunst. Kurze Zeit später erfolgte die offizielle Einladung an den 70-Jährigen.

Erstmals lag nämlich eine vollständige Übersetzung des "West-östlichen Divan" ins Persische vor. Goethes lyrische Verneigung vor dem persischen Nationaldichter Hafis antizipiert außerdem Khatamis wiederholten Aufruf zum "Dialog der Kulturen". Wie weit die Weltlage von Goethes "Gottes ist der Orient!/ Gottes ist der Occident!/ Nord- und südliches Gelände/ Ruht im Frieden seiner Hände" entfernt ist, beweisen die Zeitläufte nach dem 11. September.

Nicht nur mit den Bildern und Kalligrafien zu Goethes "Divan" zeichnet die Retrospektive Verwandtschaften im Werk Macks zur orientalischen Mystik und Formensprache nach. Da sind die Licht-Stelen und die Fotodokumentation seines "Sahara-Projekts", das zwischen 1962 und 1976 die Licht-Metaphysik des Orients mit moderner Technik verknüpfte. Aber auch die ungegenständlichen Bildstrukturen von Macks großformatigen Pastellen lassen Rückschlüsse auf die Arabeske und Ornamentik persischer Kunst zu. Das Ornamentale, dem seit der Moderne der Makel des Dekorativen anhaftet, gewinnt in Analogie zur iranischen Tradition durchaus neue Aspekte.

Welchen Stellenwert der zeitgenössischen Kunst im Jahre 22 nach der Revolution beigemessen wird, zeigte die Eröffnung der Mack-Ausstellung: Mit Gottes Segen, den Nationalhymnen und mit ranghohen Vertretern aus Politik und Gesellschaft glich das Procedere einem Staatsempfang. Umso empfindlicher die Lücke, die die kurzfristige Absage von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin riss. Dem 7-stündigen Eröffnungsmarathon waren die ersten Bombenangriffe auf das benachbarte Afghanistan vorausgegangen. Während sich das Publikum bei derlei Anlässen spätestens nach den Eröffnungsreden weinseligen Plaudereien hingibt, stand im Teheraner Museum der Künstlerfilm "Tele-Mack" von 1968 auf dem Programm. Danach lauschten rund 700 Gäste dem Vortrag von Heinz Mack.

Als einer der ersten "westlichen" Künstler nach der islamischen Revolution mit einer umfassenden Werkschau in Teheran präsent zu sein, sieht Mack vor allem als kulturpolitische Herausforderung. Als er den Zusammenhang von Kunst und Religion für sich strikt ablehnt, herrscht zunächst beredtes Schweigen. Doch seine Ausführungen über die beiden großen Kulturnationen brechen das Eis. Ganz im Goetheschen Sinne: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."

Das Teheraner Publikum nimmt das Angebot zum Dialog offen und neugierig an: Die Ausstellung geht mittlerweile in die dritte Verlängerung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben