Kultur : Heinz Mack: Zukunft des Schönen

Michaela Nolte

Ein Sommerabend 1987: vor dem Europa-Center fließen neuerdings Lichtperlen wie vom Himmel herab, verschmelzen zu silbern geometrischen Figurinen, deren Tanz plötzlich in opak-goldenem Glas entschwindet. Bevor ich das irisierende Schauspiel als Kunstwerk erkenne, beendet ein Knall die Faszination und mein Auto zerbeult die Stoßstange eines Volvos. Vorsicht Kunst! Dabei wollte Heinz Mack mit seinem 35 Meter hohen Lichtobelisken "der Technik eine Schönheit geben, damit es für die Menschen leichter ist, mit ihr zu leben".

Die Zukunft des Schönen prägte den Maler und Bildhauer schon 1957 als Mitbegründer der Düsseldorfer Zero-Gruppe. Idealismus und Objektpositivismus dieser ersten internationalen Bewegung im Nachkriegs-Deutschland grenztensich gegen Tachismus und Informel ebenso ab wie gegen die Destruktionskunst von Fluxus und Nouveau Réalisme. Nicht die Trümmer der Vergangenheit, die Errungenschaften der Gegenwart bildeten das Credo: vibrierende Bilder aus Metallgittern, elektrisch illuminierte Lichtflügel, rotierende Skulpturen. In diesem Sinne konzipierte Mack 1959 mit dem "Sahara-Projekt" seinen kühnsten Entwurf: technisch ausgefeilte Wälder aus Aluminium-Stelen und gläserne Gärten erblühten in der afrikanischen Wüste, im arktischen Eis. In der Synthese von Kunst, Natur, Technik fand er künstlerische Materie: Licht, das die Substanz der Dinge entmaterialisiert.

Noch die Fotografien der zwischen 1962 und 1976 realisierten Expeditionen lassen die tiefe Durchdringung von äußerer und innerer Natur spüren. Mit seinem Primat der reinen Schönheit ist der 1931 in Hessen geborene Künstler ein Unmoderner der Nachkriegsmoderne, ein Phänomen des Wirtschaftswunders. Ende der 50er Jahre wähnten Kritiker in seinen kinetischen Objekten, Licht-Rotoren und Aluminium-Reliefs die Kapitulation der Kunst. Heute scheint ihr Avantgardismus von Design und digitalen Leuchtreklamen absorbiert und fügt sich in die urbane Realität so nahtlos ein, dass der dekorative Charme die künstlerische Vision bisweilen überlagert. Das mag in der geringer werdenden Halbwertszeit von Kunst begründet sein, doch lässt Macks Leitmotiv die notwendige Melancholie als Generalbass vermissen. Mitte der 80er Jahre rückte der Licht-Bildhauer aus dem Zentrum des Betriebssystems Kunst, nicht jedoch von öffentlichen Plätzen und Gebäuden. Mit zahlreichen Werken hat der utopische Realist Einzug in das Bild der Städte gehalten und in der Mischung aus Modernem bis Modischem und futuristischen Elementen die Kunst mit dem Leben verankert. Seine unbändige Produktivität führte den in Mönchengladbach und auf Ibiza lebenden Künstler nach drei Jahrzehnten wieder zur Malerei; auch die farbtrunkenen Chromatiken sind beseelt von der Poesie des Pigment gewordenen Lichts. Zwölf Museen und Galerien ehren Heinz Mack rund um seinen Geburtstag, so kann er am heutigen Tag mit dem ihm eigenen Humor sagen: "Ich habe das siebzigste Lebensjahr erreicht und die 70-Stunden-Woche."

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