Kultur : Heiraten wir uns doch alle!

Vor der „Così“-Premiere an der Komischen Oper: Peter Konwitschny über Mozart und Monogamie

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Herr Konwitschny, in Mozarts „Così fan tutte“ geht es ähnlich wie in Ihrer „Don Giovanni“-Inszenierung um Menschen, die sich nicht an die Spielregeln halten. Warum interessiert Sie das?

Wahrscheinlich, weil ich selbst Schwierigkeiten habe, mich an die Regeln zu halten. Ich glaube, das hat auch Mozart sehr bewegt. Nehmen Sie die Bäsle-Briefe, das Derbe, das Obszöne darin. Sie waren nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Als jedoch klar wurde, dass Mozart ein Genie ist, sollten sie publiziert werden. Das ging aber auch wieder nicht, also wurden die schlimmen Stellen gestrichen. Nach dem Motto: Wenn das die Jugend liest!

Auch in den Opern gibt es obszöne Stellen.

Und dort ließen sie sich nicht so einfach streichen. Deshalb griff man zu anderen Techniken. „Così“ wurde ein Rokoko- Spaß, man pappte völlig andere Libretti darauf. Was duldet die Spielregel nicht? Dass eine Frau, die liebt und meint, nur diesen einen zu lieben, plötzlich in Liebe zu einem anderen gerät. Das trifft auch auf die Männer zu. Im Text kommt es zwar nicht vor, aber in der Musik ist davon deutlich die Rede: Die beiden Männer sind in einer tiefen Krise. Sie haben sich gedankenlos in die Wette auf die Untreue ihrer Frauen reißen lassen, und das Schlimme ist nicht, dass sie die Wette verloren haben, sondern dass sie nicht mehr wissen, was mit ihren eigenen Gefühlen ist. Solche Krisen muss Mozart, der ja viele Frauenbeziehungen hatte, sehr genau gekannt haben.

Brauchen wir das „Così“-Libretto heute nicht mehr zu verfälschen, weil wir um die unendliche Schwierigkeit, nur einen oder eine zu lieben, genauer wissen?

„Così“ wird immer noch verfälscht. Es ist uns heute noch unerträglich, diesem Dilemma ins Auge zu blicken. In einer Welt, die auf Profit gegründet ist, auf Haben und nicht auf Sein, gilt die Monogamie. Das Besitzdenken stülpt sich über die Gefühle: Frauen werden besessen, Natur wird besessen. Beides ist pervers. Darüber kommt das Leben abhanden. Das freiere Gegenkonzept ist sehr alt, schon die Griechen waren nicht unbedingt monogam, aber das Bürgertum brauchte die Monogamie ebenso wie den Monotheismus. Das ist die gleiche Denkstruktur.

„Così fan tutte“ entstand etwa zur Geburtsstunde des Bürgertums ...

Die Französische Revolution ist gerade über die Bühne gegangen, Europa befindet sich im Aufbruch, aber der Rückschlag mit Metternich folgt bald. Die Konsequenzen: eine Familienpolitik, nach der jedes Kind vom Staat unterstützt wird, und eine „Così“ mit verfälschtem Libretto – die Paketlösung der Restauration. Damit schlägt sich Mozart herum. Gleichzeitig spricht das Stück auch von einer kommenden Zeit, die bis heute nicht angebrochen ist. Das Verhältnis von Gewalt und Liebe, von Militär- und Kulturbudget, ist immer noch eins zu tausend. Der Einzelne, das einzelne Paar kann das Problem von Freiheit und Verbindlichkeit nicht lösen. Das ist vielleicht nur im Stamm möglich. Nichts ist unverbindlicher als die neoliberale Single-Gesellschaft.

Gleichzeitig ist die Sehnsucht nach Familie in Deutschland größer denn je. Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander.

Der Single-Gesellschaft geht es letztlich um Sicherheit. Aids ist medizin-philosophisch betrachtet da unglaublich präzise. Es ist kein Zufall und auch nichts Mystisches, dass es diese Krankheit ausgerechnet jetzt gibt. Wir brauchen eine Membran, die uns voneinander trennt, anderenfalls wird es tödlich. Aids zeigt uns, dass wir Gefahr laufen, völlig nebeneinanderher zu leben. Der flexible Mensch, wie Richard Sennett es nennt, wechselt permanent den Arbeitsplatz und kann deshalb auch nicht mehr in der Liebe wurzeln. Stattdessen lernen wir, mit Ersatz-Beziehungen, mit Ersatz-Identitäten umzugehen. Aber wir sind am Ende, weil wir eigentlich erst einmal klären müssten, was wir wirklich wollen. Mozart erzählt uns, wie armselig wir sind.

Angezettelt durch den Zyniker Don Alfonso, der die Treuewette vorschlägt.

Er ist vielleicht nicht nur ein Zyniker. Er ist die negative Kraft, die Böses will und Gutes schafft. Wenn er sagt, „diese Sorte Mensch ist nur auf die nächste Affäre aus“, sagt er das aus einer tiefen Verletzung heraus. Ausgerechnet er singt das Terzett „Soave sia il vento“ zusammen mit den beiden Frauen. In dieser unglaublich schönen Musik ist er mit ihnen aufgehoben. Rein logisch betrachtet, ist es Blödsinn, dass er da mitsingt. Aber Mozart erzählt uns, dass da ein zutiefst enttäuschter, wunder Mensch ist, der sich nach Nähe und Zärtlichkeit sehnt.

Muss man das Ohr bei Mozart näher an die Musik legen als etwa bei Wagner?

Musik ist nie Töne. Musik ist immer Existenz. Dieses Existenzielle bei Mozart hervorzukehren, das ist die Herausforderung, auch für das Mozartjahr. Weil er nur kleine Impulse, nur einen verhältnismäßig kleinen Aufwand braucht, um große Aussagen zu machen.

In „Così“ heben Sie das hervor, in dem Sie die Oper kurz vor Schluss unterbrechen.

Am Ende gibt es eine Hochzeit, aber im Libretto ist nicht namentlich ausgewiesen, wer wen heiratet. Wahrscheinlich sind die alten Partner gemeint. Aber wenn ich das, was es an Grenzüberschreitungen und Irritationen für die Menschen in „Così“ gibt, ernst nehme, ist eine simple Hochzeit für das Finale zu dürftig. Damals passte das in den Formenkanon. Aber Irritationen sind ja etwas Positives. Deshalb gab es für mich wieder nur die Möglichkeit des vielleicht blasphemischen Schocks: Heiraten wir uns doch alle!

Opern dürfen keine Service-Einrichtungen für Kunden werden, haben Sie erst kürzlich gesagt.

Ja, denn Oper wird immer mehr zum bloßen Anlass, sich zu treffen.

War das je anders, zu Mozarts Zeiten etwa?

In der DDR war das anders. Da bin ich nun einmal groß geworden. Das Schlimmste, was passieren konnte: Wenn das, was auf der Bühne geschieht, für die Gesellschaft nicht mehr von Belang ist. Schon die griechische polis hat über die fundamentalen Themen ihrer Gesellschaftsordnung im Theater diskutiert. Ist Krieg für uns gut oder nicht? Bin ich mir treu, wenn ich eine andere liebe? Das bewegt uns. Wir lügen uns doch in die Tasche, wenn wir sagen, wir seien aufgeklärt, und seit der Sexwelle sei ein Seitensprung nur noch ein Klacks.

In Wirklichkeit sind wir alle wie Don Alfonso: einsam, ein bisschen zynisch und sehr verletzt?

Und nicht durch Mozarts Musik versöhnt.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

PETER KONWITSCHNY, 1945 in Frankfurt a.M. als Sohn des Dirigenten Franz Konwitschny geboren, wuchs in Leipzig auf. Er studierte Opernregie u.a. bei Ruth Berghaus und war Assistent am Berliner Ensemble. Seit 1980 ist Konwitschny international tätig, u.a. in Graz, Hamburg, Stuttgart, Moskau, Kopenhagen und Berlin. Die Zeitschrift „Opernwelt“ kürte ihn fünf Mal zum „RegisseurdesJahres“ . Zu seinen preisgekrönten Inszenierungen zählen die Stuttgarter „Götterdämmerung“ und Nonos „Al gran sole“ in Hannover.

An der Komischen Oper Berlin debütierte Konwitschny 2003 mit Mozarts „Don Giovanni“ . Morgen feiert dort seine „Così fan tutte“ Premiere. Es singen Stella Doufexis, Maria Bengtsson, Michael Nagy, Johannes Chum und Dietrich Henschel; es dirigiert Kirill Petrenko.

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