Kultur : Heiß, aber nicht überhitzt

Ein Rückblick auf die Frühjahrssaison in den deutschen Auktionshäusern

Michaela Nolte

Hochstimmung verbreiten die Frühjahrsergebnisse der Auktionshäuser von Hamburg bis München. Stete Dynamik und starkes Privatengagement prägten allerorts das Geschehen. Nach wie vor umsatzstärkster Bereich bleibt die Klassische Moderne, aber der Trend zur Kunst nach 1945 ist unübersehbar. Statt der erwarteten 90 000 Euro steigerte ein englischer Händler bei Lempertz Josef Albers Hommage to the Square „Stele and Patina“ auf 354 000 Euro. Die Erwartungen nahezu verdreifachen konnte auch Gerhard Richters „Mao“, der bei Grisebach 783 500 Euro einspielte. Beim Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Marktführer um den höchsten Zuschlag liegt diesmal das Kölner Kunsthaus vorn: Für 1,4 Millionen Euro wurde dort am vergangenen Sonnabend Emil Noldes späte „Marschlandschaft“ einem Pariser Sammler zugeschlagen (inkl. Aufgeld).

Dafür bleibt der Berliner Villa Grisebach, wo Gerhard Richters „Landschaft mit Wolke“ ebenfalls die Millionengrenze überschreiten konnte, mit 14,1 Millionen Euro der höchste Bruttoerlös für die Kunst der Moderne und Gegenwart, die bei Lempertz 13 Millionen Euro einbrachten.

Festlaune herrschte auch bei Ketterer in München – schon angesichts der 300. Jubiläumsauktion. Auch hier war ein Erstarken der internationalen Nachkriegskunst spürbar, die mit 1,6 Millionen Euro knapp ein Viertel des Gesamterlöses von 6,6 Millionen ausmachte. Wie das Haus auf die Verlautbarung „Post War toppt Klassische Moderne“ kommt, bleibt allerdings ein Rätsel. Allein zehn Prozent des Umsatzes verbuchten die acht Papierarbeiten von Emil Nolde, dessen Aquarell „Tiefblaues Meer unter gelb-violettem Himmel“ mit 270 000 Euro denn auch das teuerste Los wurde, gefolgt von Amedeo Modiglianis mit Bleistift sinnlich konturierter „Cariatide“, die von 65 000 auf 205 000 Euro kletterte. Den Jubel getrübt haben dürften die Rückgänge zweier Hauptlose: Georg Baselitz’ mit einem Limit von 250 000 Euro versehene „Metametrie“ und ein gleichauf geschätzter „Mädchenkopf auf schlankem Hals" von Wilhelm Lehmbruck.

Konkurrenz hat Ketterer diesbezüglich in Hamburg bekommen, wo am heutigen Sonnabend bei Hauswedell & Nolte Lehmbrucks reizvolle Terrakotta „Büste der Knienden (Geneigter Frauenkopf)“ einen Liebhaber sucht. Für den einzigen sicher zu Lebzeiten entstandenen Guss auf dem Markt liegt die Schätzung allerdings bei stolzen 700 000 Euro.

Einen Aufwärtstrend bei der Kunst des 20. Jahrhunderts vermeldet auch Van Ham in Köln, wo zudem im angestammten Bereich der Altmeister ein Weltrekord für Jakob Philipp Hackert mit 526 000 Euro erzielt wurde. In München freut sich Neumeister über den höchsten Hammerpreis für den süddeutschen Pleine-Air-Maler Leo Putz mit 460 000 Euro. Und das Berliner Auktionshaus Bassenge erzielte mit Kunst des 15. bis 20. Jahrhunderts das beste Ergebnis seit einem Jahrzehnt. Nach einem so verheißungsvollen Frühling darf man auf den Herbst gespannt sein, für den sich die Villa Grisebach bereits jetzt mit einem Feininger-Gemälde zum 20-jährigen Jubiläum empfiehlt.

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