Kultur : Heißblütig

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Gilberto Gil, der brasilianische Barde aus Salvador, der Gitarrist, Trompeter, Akkordeonspieler, Tropicalista und bodenständige Eklektiker, hat sich schon vor 30 Jahren zu Bob Marley bekannt. Für ihn war er der „erste große Popkünstler der Peripherie“. Doch nicht nur dessen Dreadlocks hatten es Gil angetan. Gemeinsam war beiden die Selbstversenkung in ihre afrikanischen Ursprünge. Und Gil erkannte, dass Reggae sich bestens mit den Spielarten des Samba verträgt: 1984 nahm er den Hit „Vamos fugir“ als Reggae-Version zusammen mit den Wailers auf. Jetzt, zu seinem 60. Geburtstag, zollt Gil der Musik des jamaikanischen „Rude Boy“ Tribut. Das Album, das unter Mitwirkung von Bob Marleys Frau Rita in den legendären Tuff Gong Studios in Kingston entstanden ist, heißt „Kaya N’Gan Daya“. Natürlich huldigt der dem bekannten Heilkraut mit der berauschenden Wirkung, das auch vom Publikum auf der Museumsinsel ausgiebig genossen wird. Gil selbst allerdings verzichtet gänzlich auf das Zeug. Auf der Bühne glänzt er, schlank und drahtig, eher durch elegante Zurückhaltung. Ohnehin haben es Gil und seine exzellente Band nicht nötig, altbekannte Hits einfach nachzuspielen. Statt dessen wehen leichte brasilianische Harmonien durch die Riddims, und Gilberto Gil intoniert „Nao Chore Mais“, seine „No Woman No Cry“-Interpretation von 1977, die er jetzt seinem neuen Album beigefügt hat. Dazu gibt es hübsche Percussion-Einlagen. Mit Akkordeon, Berimbau und Pandeiro lässt dabei vor allem der brasilianische Nordosten grüßen. Und spätestens als Gil die Vorzeichen umkehrt, indem er „The Girl From Ipanema“ durch den Reggae passiert, wird deutlich, dass in diesem Konzert noch eine andere Hymne erklingt: die auf Brasilien und auf seine Musik.

Roman Rhode

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