Kultur : Heißer als tausend Sonnen

„Barfuß durch Hiroshima“: Keiji Nakazawa hat einen Manga über die Atombombe gezeichnet, die er als Kind überlebte

Lars von Törne

Der kleine Keiji Nakazawa war auf dem Weg zur Schule, als ihn der Feuerball traf. Ein gleißend heller Blitz raste am Morgen des 6. August 1945 um kurz nach acht Uhr auf ihn zu. „Ich weiß noch, dass es in der Mitte schneeweiß war, drum herum blauweiß und weiter außen orangerot. Ich sah den Blitz einen Moment lang vor mir, danach weiß ich nichts mehr.“ Der Sechsjährige hatte Glück. Er betrat gerade seine Schule in der japanischen Stadt Hiroshima, die Mauern waren seine Rettung. „Wenn ich nur einen Moment früher durch das Schultor getreten wäre, säße ich jetzt nicht hier“, berichtete er fünfzig Jahre später in einem Interview.

Als Keiji Nakazawa wieder zu sich kam, lag die Mutter eines Klassenkameraden, mit der er kurz zuvor gesprochen hatte, verbrannt neben ihm. Nackte Frauen kamen ihm entgegen, die übersät waren mit Glassplittern. Am Straßenrand lagen verkohlte Körper dicht an dicht „wie ein menschlicher Teppich“. Zahllose Menschen, denen die geschmolzene Haut in Fetzen vom Körper hing, zogen schweigend die Straße entlang. Was Nakazawa damals erlebte, sprengt das menschliche Vorstellungsvermögen.

Nakazawa, der nach dem Krieg Comiczeichner wurde, brachte Anfang der Siebzigerjahre seine Erlebnisse in Form einer mit fiktiven Elementen angereicherten Autobiografie zu Papier. Ab 1972 erschien „Hadashi no Gen“ als Serie in einer Jugendzeitschrift, 1975 kam die vierbändige Taschenbuchausgabe heraus. Eine Bildgeschichte, die die Folgen des Atombombenabwurfs und die Politik der japanischen Regierung während des Krieges beschreibt und kritisch analysiert – ein bahnbrechendes Projekt.

„Hadashi no Gen“, 1978 auch in einer englischen Ausgabe publiziert, war eine der ersten japanischen Schilderungen der Ereignisse von Hiroshima, die im Westen Verbreitung fand. Und es war der erste japanische Comicroman, der außerhalb Japans einen größeren Leserkreis erreichte, Vorläufer für jenen Boom der Manga, der japanischen Comics, die mit Serien wie „Dragonball“ oder „Sailor Moon“ aus der heutigen Teenager-Kultur des Westens kaum noch wegzudenken sind. Wer will, kann in Nakazawas Werk auch den fernöstlichen Ahnen westlicher Comicromane wie „Maus“ oder „Persepolis“ sehen, die sich mit den Mitteln der Bildgeschichte ernster politischer Themen annehmen.

In Deutschland war Anfang der Achtzigerjahre lediglich der erste der vier Bände von Nakazawas Epos publiziert worden. Erst jetzt, zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, wagte sich der Hamburger Carlsen-Verlag daran, das insgesamt mehr als 1000 Seiten umfassende Werk zu veröffentlichen. „Barfuß durch Hiroshima“ lautet der deutsche Titel, vor kurzem erschien der vierte und letzte Band. Nakazawas schwarz-weiße Zeichnungen sind von grauenhafter Schönheit. In mitunter schwer erträglichen Details beschreibt er, wie er seine Heimatstadt nach der nuklearen Katastrophe erlebte: als Totentanz der lebenden Leichen.

Seitenweise zeigt Nakazawa die Verstümmelungen der Opfer an Leib und Seele, es gibt Figuren, die von Würmern zerfressen werden oder sterbend nach Wasser rufen. Manche Bilder haben trotz ihrer Brutalität etwas Ikonenhaftes, ein brennendes Pferd erinnert an Dürers apokalyptische Reiter. Am ergreifendsten sind die Szenen, in denen Nakazawa von seiner eigenen Familie erzählt, die zur Hälfte von der Bombe vernichtet wurde. Sein Vater und sein Bruder werden in den Trümmern ihres Hauses eingeklemmt und verbrennen, die Mutter bringt am Tag nach der Explosion ein Mädchen zur Welt, das später an Unterernährung stirbt.

Art Spiegelman, der mit „Maus“ den politisch-historischen Comicroman salonfähig machte, schwärmt im Vorwort: „Die Ehrlichkeit der Zeichnungen verleiht ihnen eine solche Überzeugungskraft, dass das Unglaubliche und Undenkbare, das in Hiroshima wirklich geschehen ist, für den Leser erst fassbar wird.“ Dabei wirkt die Bildsprache des Autors auf den ersten Blick irritierend. Die Drastik des Geschehens wird mit einem vermeintlich niedlichen Stil vor Augen geführt, das an japanische Zeichentrickserien wie „Heidi“ erinnert. Große Augen, kleine Münder, dicke Backen: Die Helden tragen kindliche Züge mit disneyhaft überzeichneten Gesichtern.

Nakazawa beschränkt sich nicht auf die unmittelbaren Folgen des Bombenabwurfs, er bettet den 6. August 1945 in seinen politischen und gesellschaftlichen Kontext ein. Über fast 260 Seiten führt er den Leser in die nationalistische Hybris und den militaristischen Kadavergehorsam der japanischen Quasi-Diktatur seiner Kindheit ein. Er zeigt, wie der Krieg das Leben seiner Familie bis ins Detail prägte: wie sich seine Geschwister um eine Kartoffel prügeln, wie sein Vater von den Nachbarn terrorisiert wird, weil er sich als Kriegsgegner zu erkennen gegeben hat, wie alte Freunde einander in Zeiten der Not die Hilfe verweigern und wie die Lehrer ihre Schüler noch kurz vor Kriegsende patriotische Gedichte schreiben lassen.

Die Willkür des japanischen Militärregimes wird von Nakazawa als ähnlich bedrohlich und omnipräsent beschrieben wie die ständigen Fliegerattacken der US-Armee. Einer Reduzierung auf die Opferperspektive verweigert er sich aber. Nakazawa lässt keinen Zweifel daran, dass der Bombenabwurf eine Reaktion auf die japanische Kriegspolitik war – wenn auch eine moralisch verachtenswerte. Nakazawas Glaube an das Gute ist unerschütterlich, in „Barfuß durch Hiroshima“ wirkt diese Haltung anrührend, mitunter aber auch ein wenig penetrant.

Die Hauptfigur ist das kaum verhüllte Alter Ego des Erzählers. „Gen“ heißt der Junge, der versucht, sich und seine Familie aus der Hölle zu retten, und die Stadt auf der Suche nach Nahrung für sich und seine Mutter durchstreift. Sein Name steht im Japanischen für Wurzel, Quelle oder Ursprung. Dieser Junge, der als Hoffnungsträger eine neue Generation repräsentiert, erlebt inmitten des Horrors immer wieder auch Momente der Hoffnung. Bösartige Nachbarn verwandeln sich in der Not zu Rettern, kleine Gangster erweisen sich als Männer mit Herz, und Gen selber kann mehrfach anderen Opfern der Bombe einen Teil ihrer Qualen abnehmen, indem er sich rührend um sie kümmert. Am Schluss wächst aus der verstrahlten Ruinenstadt tatsächlich neues Leben, symbolisiert durch frischen Weizen und ein Büschel Haare, das der strahlenkranke Gen zwei Jahre nach dem Bombenabwurf auf seinem kahlen Kopf entdeckt. „Ich habe keine Glatze mehr“, jubelt der Junge, als er sein Spiegelbild in einer Pfütze erblickt. „Vor lauter Trauer ist mir das gar nicht aufgefallen!“

Keiji Nakazawa: Barfuß durch Hiroshima, 4 Bände (je 250 bis 300 Seiten), Carlsen Verlag, je 12 €.

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