Kultur : Heißer Asphalt

Henrik Nánási stellt sich an der Komischen Oper vor.

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Es geht ein Riss durch Berlins Orchester. Auf der einen Seite diejenigen, die sich quasi auf Lebenszeit an ihre Chefdirigenten gebunden haben: Philharmoniker, Staatskapelle, RSB. Auf der anderen die, die sich in den vergangenen Jahren mehrmals neu erfinden mussten: DSO, Deutsche Oper, Komische Oper. Gerade in der Behrenstraße stehen alle Zeichen auf Anfang: neuer Intendant, neuer Generalmusikdirektor. Henrik Nánási, geboren 1975 im ungarischen Pécs, hat sich jetzt mit seinem ersten Symphoniekonzert vorgestellt – und ist auf Nummer sicher gegangen, mit einem kulinarischen Programm aus Richard Strauss, Bartók und Dvorák.

Dass Nánási trotzdem keinen Wohlfühlsound abliefern will, wird schon in den ersten Takten von „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ deutlich. Scharfzackig wie Nánásis Gesten springen die Motive den Hörer an, auch bewusst plärrend oder ordinär. Der Neue scheint vor allem eines zu fürchten: Als Langweiler zu gelten. So wirkt er aber schnell überambitioniert, auch unökonomisch in seinen weit ausgreifenden, rudernden Armbewegungen. Was soll’s, wenn das Ergebnis überzeugt: Bartóks „Der wunderbare Mandarin“, atemlos schon in den ostinaten Figuren zu Beginn, wird zum Tanz auf dem heißen Asphalt, biegsam und strahlend das für dieses Stück so wichtige Blech.

Die ersten beiden Sätze von Dvoráks 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“ hingegen: eine Enttäuschung. Brav verplätschernd, atmen sie nicht die ungeheure Weite des Raums, die der Böhme – das Stück ist ja keineswegs amerikanische, sondern genuin europäische Kunstmusik – in den langen motivischen Bögen gerade des ersten Satzes eröffnet. Erst im Scherzo und finalen Allegro kommt Dringlichkeit ins Spiel, eine Ahnung vom Sturzflug des Adlers, vor allem in den gleißenden Streichern. Nach dem letzten Tutti-Akkord lässt Dvorák das Stück verhalten in den Bläsern ausschwingen, ein komponiertes Fragezeichen. Nánásis letztlich gelungener Auftakt hingegen: ein Ausrufezeichen. Udo Badelt

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