Kultur : Heißer Norden

In Dahlem: Grete Sterns Argentinien-Fotos

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Foto: Sammlung Matteo Goretti
Foto: Sammlung Matteo Goretti

Als Grete Stern 1999 in Buenos Aires stirbt, hat sie fast das ganze 20. Jahrhundert erlebt. Es war ein Leben für die Fotografie. „Vom Bauhaus zum Gran Chaco“ heißt die Ausstellung, mit der das Ethnologische Museum in Dahlem die außergewöhnliche Frau würdigt. Am Bauhaus studiert sie Fotografie, lernt dort den Argentinier Horacio Coppola kennen. Nach der Machtergreifung der Nazis emigriert die Jüdin mit ihm in dessen Heimat. Die Region des Gran Chaco besucht sie 1958 zum ersten Mal. Dort, im dünnbesiedelten, heißen Norden Argentiniens lernt sie die indigene Gruppe der Toba kennen, die am Rand der Stadt Resistencia lebt. Tief beeindruckt beginnt sie zu fotografieren: Familien vor Strohhütten, Frauen beim Verkauf von Schilfkörben, einen Mann, der sich mit einer Bibel vor ihrer Kamera zu schützen versucht.

Im Mai 1964 unternimmt Stern – mittlerweile 60 Jahre alt – eine Reise durch die Provinzen Chaco, Formosa und Salta. Monatelang ist sie ohne Ortskenntnis und eigenes Transportmittel unterwegs, legt 800 Kilometer zurück. Bei den dabei entstehenden Bildern geht es ihr weniger um fotografische Kunst als um die Lebensverhältnisse der Bewohner. Trotz Ausgrenzung und bitterer Armut strahlen die Menschen in den mehr als zwanzig Orten, die sie besucht, eine große Würde und Lebensfreude aus. Ihre Kamera blickt in stolze, ausdrucksstarke Gesichter, deren Falten und Furchen von den harten Lebensbedingungen zeugen.

Mit ihrer Yashica hält sie Gottesdienste fest, das Flechten von Hüten und Körben, die neugierigen und zugleich schüchternen Blicke der Kinder. Im Zentrum der Provinz Chaco fotografiert Grete Stern eine Toba, die aus Wollresten ein Säckchen für ihre Bibel häkelt, die aufgeschlagen auf dem Schoß liegt. Sie trifft Mocoví-Familien auf Baumwollfeldern, begegnet einer Prozession der Jungfrau von Itatí, zeigt die tätowierten Gesichter der Pilagá, Wichí-Frauen beim Weben und einen Toba, der demonstriert, wie man als Baum getarnt Nandus jagt.

Einfühlsam erfasst Stern den kulturellen Wandel der Gemeinschaften im Gran Chaco, die wenige Jahre zuvor noch als Nomaden gelebt hatten. Schamane weichen evangelischen Missionaren, aus Jägern werden Tagelöhner in der Landwirtschaft. In den 101 Bildern in Dahlem ist beides zu entdecken: der Bauhaus-geschulte Blick und die Haltung einer großen Humanistin. Daniel Grinsted

Ethnologisches Museum (Lansstr. 8, Dahlem), bis 30. Januar. Di bis Fr 10 –18 Uhr, Sa und So 11–18 Uhr.

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