Kultur : Heißes Eis

Hamburgs Thalia Theater triumphiert mit einer starken „Nora“

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Das hat es im Theater vermutlich noch nie gegeben: dass der Showdown eines Stücks, dass die finale Schlüsselszene einer Aufführung mit dem Rücken zum Publikum gespielt wird. Und dabei bestürzender wirkt als jeder Frontalangriff. In Stephan Kimmigs Hamburger „Nora“Inszenierung sitzen am Ende, wenn ihre Ehe, ihre Illusionen und alle Liebesgespinste am Zerbrechen, Platzen, Zerreißen sind, Frau Nora und Herr Torvald Helmer nebeneinander auf der Bettkante. Eben gab es eine Party, gab Lust und Gier, eine brutal egozentrische Demaskierung des Mannes und gleich darauf seinen fast noch schlimmeren Versuch der Versöhnung; für einen Augenblick scheinen die beiden nur noch erschöpft – und dann folgt doch noch Noras Erwachen und die Götterdämmerung des Patriarchats, der final countdown.

In diesen entscheidenden Minuten sehen wir die Schauspieler Susanne Wolff und Ulrich Hacker tatsächlich nur von hinten, manchmal auch sekundenlang im Profil, und das wirkt nie als aufgesetzter Regieeinfall. Sondern ganz selbstverständlich, zwingend, dringlich im gedämpften, von Mikroports unterstützten Gespräch, das doch ein Fight ist um Leben und Not. Die Szene, voll höchster Gespanntheit zugleich von entspanntester Souveränität, wirkt wie heißes Eis – und ist in ihrer filmrealistischen Intensität auf der offenen Bühne ein kleines, großes Wunder.

Einem Wunder an Präzision und Phantasie gleicht die ganze Aufführung, mit der das Hamburger Thalia Theater beim 40. Berliner Theatertreffen für den bisherigen Höhepunkt sorgt. Zudem reizt in Berlin der Vergleich mit der ebenfalls nominierten „Nora“ von Thomas Ostermeier an der Schaubühne.

Auch Kimmig und seine Bühnenbildnerin Katja Haß haben Ibsens Emanzipationsstück von 1879 in ein heutiges, kühl modernes Aufsteiger-Ambiente versetzt. Doch den Tücken des Kontrasts zwischen Ibsens Briefboten-Intrigendramaturgie und dem Zeitgeist von Fax und Internet begegnen die Hamburger mit einer geschickteren, zeitgenössischeren Textbearbeitung. Und anders als die von Anne Tismers furioser Revolver-Nora dominierte Schaubühnen-Aufführung wird die Thalia-Version in jeder Rolle von brillanten Akteuren getragen. Christoph Bantzer als krebskranker Dr. Rank zeigt den Hausfreund und unmöglichen Liebhaber in einer zwischen Verblüffung und Verzückung, Erschrecken und Trauer ganz fabelhaft schwirrenden erotischen Abschiedsszene mit Nora. Toll und bejubelt auch Victoria Trauttmansdorff als Christine Linde, die ins Helmerheim eindringende Kindheitsfreundin: Mal ist sie die somnambule Fee, mal das kiebige Faktotum. Hier sollte es einen Theater-Oscar für die beste Nebenrolle geben. Die Goldene Palme als beste Nora aber teilen sich nun Anne Tismer und die junge, in Kraft und Verletzlichkeit oszillierende Susanne Wolff. P.v.B.

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