Heitere Häuser : Zum Tode des Architekten Günter Behnisch

Prophet des demokratischen Bauens: zum Tode des Architekten Günter Behnisch, der am Montag im Alter von 88 Jahren in Stuttgart verstarb.

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Günter Behnisch 2005 in Berlin. Foto: ddp
Günter Behnisch 2005 in Berlin. Foto: ddpFoto: ddp

Ausnehmend harmoniesüchtig ist er im täglichen Umgang mit seinen Mitmenschen nicht gewesen, dennoch gilt für ihn wie für keinen der großen Architekten des zwanzigsten Jahrhunderts: Er hat für die Menschen gebaut. Den Dingen nachspüren, sie sich entwickeln lassen, die Menschen beobachten, ihnen Freiräume eröffnen, Licht und Natur in die Architektur mit einbeziehen, das war sein Credo, Er war offen für Improvisation und das Unvollkommene, er vermied alles Vorbestimmte, Vorgegebene, er verabscheute alles Normierte, Zwanghafte und Herrische, er hasste das Militär.

Günter Behnisch, 1922 in Lockwitz bei Dresden geboren, studierte Architektur an der TH Stuttgart. 1952 gründete er dort mit Bruno Lambart ein Büro, das er ab 1956 allein weiterführte und 1966 mit Fritz Auer, Winfried Büxel, Manfred Sabatke, Erhard Tränkner und Carlo Weber in die Bürogemeinschaft Behnisch & Partner umwandelte. 1989 löste sich die zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Deutschland gehörende Bürogemeinschaft auf. Günter Behnisch gründete mit Sohn Stefan und Günther Schaller das Büro Behnisch, Behnisch und Partner, das nach seinem Ausscheiden nun als Behnisch Architekten firmiert.

Mit seinen ersten Bauten, hauptsächlich Schulen in Baden-Württemberg, leistete er durch den konsequenten Einsatz von Vorfertigungsmethoden Pionierarbeit, weshalb er 1967 als Nachfolger des Normierungspapstes Ernst Neufert, Autor der legendären „Bauentwurfslehre“, an die TH Darmstadt berufen wurde. Industrialisiertes Bauen sollte er den Studenten beibringen. Doch die in ihrer zwingenden Logik „rechthaberischen Gebäude“ wurden ihm bald zuwider und es ist faszinierend zu verfolgen, wie sich, etwa in der Genealogie seiner Schulbauten, die Architektur von rationalistischen Zwängen und regelhaften Formen befreite. Die noch strenge Rundform in der Schule Oppelsbohm (1969) ist in Lorch (1973) zu einem freien Gefüge aus einem Klassenrund mit ausstrahlenden Trakten für die Sonderräume entwickelt, das in seiner freundlichen Unbekümmertheit wegweisend wurde für weitere Entwürfe des Büros. Auch wenn es das Raumprogramm nicht vorsah, die Schulen bekamen ein kleines tropisches Gewächshaus, und nie vergaß er, zum Einzug einen Papagei zu schenken (einer trieb auch im Büro Behnisch sein lärmendes Wesen). Und früh schon, als der Begriff der „dekonstruktivistischen Architektur“ noch nicht erfunden war, stießen bei ihm die Stahlträger ungestüm durch die Glasfassaden.

Das bekannteste Werk aus dem Büro Behnisch ist die Anlage des Münchner Olympiaparks (1967-72). Die signifikante, unter Mitwirkung von Frei Otto entstandene Zeltdachkonstruktion erscheint wegen des ingenieurtechnischen Aufwands auf den ersten Blick für Behnisch und Partner eher untypisch. Die Konzeption entspricht jedoch sehr genau seiner Auffassung von Architektur als anpassungsfähiger, dem Menschen dienender künstlicher Umwelt und hat den Charakter der „heiteren Spiele“ in München wesentlich mitgeprägt.

Spätere Arbeiten kann man durchaus dem Dekonstruktivismus zuordnen, so das Hysolarinstitut im Campus der Universität Stuttgart (1987), das aussieht, als habe man einige Container zusammengeschoben und dann irgendwie ein gläsernes Dach darüber gebastelt.

Als Günter Behnisch nach langer Planungsgeschichte 1989-92 den Plenarsaal des Deutschen Bundestags in Bonn bauen konnte, wurde seine Idee der offenen, leichten, heiteren und „demokratischen“ Architektur, die sich durch Transparenz, Undeterminiertheit und eine entschieden antihistoristische Haltung auszeichnet, erstmals in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Dabei hatte er bereits durch seine langjährige Lehre und hunderte von Mitarbeitern schulbildend für eine ganze Architektengeneration vor allem im Südwesten Deutschlands gewirkt.

Nach der Wende erregte Behnisch großes Aufsehen in seiner Heimat Dresden, als er dem Neubau des Benno-Gymnasiums die ortsübliche Sandsteinfassade verweigerte und stattdessen den unkonventionellen Bau mit fröhlich bunten Farben ausstattete. Noch immer haben sich viele Dresdner nicht mit der kräftig blauen Fassade anfreunden können.

Geradezu genüsslich verfocht Behnisch seine Sache beim Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Nie hatte er in der architektonisch völlig gegensätzlich gepolten Hauptstadt eine Chance gehabt, seine Visitenkarte abzugeben. Nun gelang es der Akademie, seinen Entwurf mit der Glasfassade durchzusetzen, und dies am Pariser Platz, dem Zentrum des retrospektiven, steinernen Berlin – ein später Triumph! So ist es dem Antipoden von Kleihues und Kollhoff doch gelungen, just im Angesicht von deren historistischen Etüden in der Hauptstadt Flagge zu zeigen.

Die letzten zwei Jahre ans Bett gefesselt hat er nur grollend ertragen. Nun ist Günter Behnisch am Montag im Alter von 88 Jahren in Stuttgart gestorben.

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