Kultur : Helden in roten Strümpfen

Tanzbiennale Venedig: Michael Clark feiert David Bowie und die Siebziger - und führt vor Augen, wie man geschickt das eigene Werk plündert.

Sandra Luzina

„Heroes“ von David Bowie durfte natürlich nicht fehlen, als Michael Clark das Arsenale rockte. Zum Finale des Tanzprogramms der diesjährigen Biennale in Venedig präsentierte der künstlerische Leiter Ismael Ivo mit Clark eine der schillerndsten Gestalten der europäischen Tanzszene, und der hatte seine neue Produktion als Tribut an die Musik der siebziger Jahre und an seine Helden David Bowie und Iggy Pop angekündigt. Ermöglicht wurde die Kreation durch das neu gegründete Netzwerk European Network of Performing Arts (ENPARTS). Und so kann sich auch das Berliner Publikum auf die coolen Briten freuen, im Dezember werden sie im Rahmen von Spielzeit Europa hier auftreten.

Ismael Ivo, der afrobrasilianische Choreograf und Tänzer, der zuvor in Berlin lebte, hat sich als Leiter der Tanzsektion der Biennale etabliert. Sein Vertrag wurde gerade um weitere drei Jahre verlängert – in seinem fünften Jahr gab Ivo nun die Losung „Grado Zero“ aus. Der Tanz am Nullpunkt – das ist zwar etwas hochtrabend formuliert („Am Nullpunkt der Literatur“ heißt eine berühmte Schrift von Roland Barthes), doch immerhin begreift Ivo sein Programm als Stimulus und Fortbildungsprogramm. Sieben Meisterklassen wurden abgehalten, bei der Plattform „Masters’ choreographies for tomorrow’s performers“ interpretierten junge Tänzer Werke von so bedeutenden Choreografinnen wie Pina Bausch und Trisha Brown. Und ein internationales Colloquium, an dem Künstler wie Carolyn Carlson und Lloyd Newson teilnahmen, fragte nach dem Tanz der Zukunft und debattierte über Themen wie „Der hypervirtuose Körper“ oder Geschlecht und Identität. Ein futuristisches Manifest hatte hier freilich keiner in der Tasche.

Auch Michael Clark erfindet den Tanz nicht neu, er führt vielmehr vor Augen, wie man geschickt das eigene Werk plündert – und wie man der Pop- und Tanzgeschichte mit Ironie begegnen kann.

Seine musikalischen Helden sind in die Jahre gekommen, wie auch Clark mit seinen 47 Jahren nicht mehr den Rebellen markieren muss. Doch der britische Exzentriker ist immer noch für Überraschungen gut. Clark beginnt den Abend mit einem Rückblick auf seine choreografischen Anfänge. „Swan Lack“ ist eine neue Version von „Do You Me? I Did“, das 1984 zu Musik von Bruce Gilbert und der Londoner Punk-Band Wire enstand. Wenn hier die rohe musikalische Energie auf die rigide Strenge des klassischen Balletts prallt, dann erschüttert das nachhaltig die Wahrnehmung des Tanzes. Es ist immer noch faszinierend zu sehen, wie der Choreograf die Extreme zusammenzwingt: Ordnung und Anarchie, Kontrolle und Exzess.

Die acht Tänzer treten in Kostümen von Bodymap auf, hier gibt es kein gewagtes Po-Dekolleté zu bewundern, die blauen und weißen Kostüme wirken eher schlicht, auch wenn die Schnittmuster ungewöhnlich sind. Auch Clark verändert auf frappierende Weise das Bewegungsdesign und spielt mit den Proportionen des Körpers. Die Arabesken und Attitüden werden regelrecht zelebriert, wobei die Tänzer sich mit fast schon aufreizender Langsamkeit bewegen. Das Ballettidiom wird erst reduziert und ausgenüchtert und dann lustvoll zerlegt. „Swan Lack“ vertreibt alles Romantische aus dem Tanz. Denn die Tänzer sind keine ätherischen Schwäne, sie sind narzisstisch und cool und schrauben sich in manierierte Posen, die bisweilen jeder Anmut spotten. Die Choreografie ist aufregend mit ihren asymmetrischen Linien und ihren kühlen Pas de deux.

Bei der Novität „Thank U Ma’am“ hört man David Bowie und Iggy Pop zusammen bei dem Song „Mass Production“. Doch Michael Clark hat keine Verklärung der Seventies im Sinn. Wenn die Tänzer erstmals die Bühne betreten, sehen sie aus wie traurige Pinguine. Bei „Heroes“, der Hymne, die in Berlin entstand, sieht man den jungen David Bowie überlebensgroß in dem Video von 1977. Die Tänzer schieben das Becken vor und biegen den Kopf zurück – eine extreme Haltung, die man schon kennt von Clark. Der androgyne Bowie ist die unerreichte Ikone, der Tanz wirkt hier eher wie eine Übung in Coolness. Der Meister überrascht mit einem kurzen Auftritt in weißen Socken und schlabberigem Outfit. Der einstige Tanzgott macht sich auch über sich selbst lustig. Zum Finale treten die Tänzer zu „The Jean Genie“ in Matrosenjäckchen und rot bestrumpften Beinen auf: Monty Python goes Ballett. Clark hat kein Meisterwerk geschaffen, doch „Thank U Ma’am“ ist eine herrliche Extravaganza.

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