Kultur : Helden live

NILS MICHAELIS

Seit 30 Jahren ist Winston Rodney als Burning Spear in der Geschichte des Reggae unterwegs. Doch um in diese Geschichte einzugehen brauchte er bloß ein Jahr: 1975, als sein Album "Garveys Ghost" erschien, jene Platte, die ihm lange den Ruf einbrachte, der spirituell erleuchtete Thronfolger Bob Marleys zu sein. Doch die Zeiten, als der Mythenhaushalt des Reggae einzig von Rastas und hart erkiffter Innerlichkeit handelte, sind vorbei, wie die eher mittelvolle Columbiahalle belegte. Und dann gibt es da noch das Problem der Live-Performance alter Helden: Zu oft hatte man sich auf technisch versierte Musiker verlassen, die zwar alle Stile im Schlaf beherrschten, doch trotzdem immer haarscharf am Geist der Musik vorbeispielten. Und genau dieses Phänomen ließen die Vorbands um Ky-Mani Marley und Mutabaruka befürchten: Gäbe es eine Reggae-Polizei, sie hätte viel zu tun gehabt mit dem Verteilen von Strafzetteln für Jazz-Funk-Gedaddel und lächerlichen Synthybombast. Doch dann kam Burning Spear höchstselbst, und schnell wurde klar, daß 30 Jahre diesen Sänger gründlich geschult haben. Seine Band bestand aus neun disziplinierten Gentlemen, die nie einen Ton zuviel spielten und in dieser Zurückhaltung jene Faszination erzeugten, auf der sich Burning Spears einzigartiger Gesangsstil voll entfalten konnte. Auch war die Bühnenshow des 51jährigen von einer angenehmen Zurückhaltung geprägt, mit der er vermochte, die Spannung bis zum Ende ständig zu erhöhen: Ein Entertainer bei der Arbeit! Als dann zur Zugabe sein größter Hit "Slavery Days" serviert wurde, war das Werk vollbracht und der Abend, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, endgültig gerettet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben