Kultur : Helden sterben, Völker leben

BERNHARD SCHULZ

Nationen sind Konstrukte des 19.Jahrhunderts.Ihre Vorstellung von sich selbst prägt sich in Bildern.Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt Beispiele aus 18 Ländern: zum Verwechseln ähnlichVON BERNHARD SCHULZWer den politischen Prozeß der deutschen Einheit im Jahre 1990 in ein Bild fassen wollte, bekäme dafür das freundliche Treffen des strickjackentragenden Kanzlers mit dem gleichermaßen freizeitlich gekleideten Gorbatschow auf zwei rustikalen Holzstühlen angeboten.Erhebend ist das nicht, allenfalls das Menschelnde an der Politik betonend; aber daß eine ganze Nation sich ein solches Bild dauerhaft ins Herz senkte, übersteigt die Vorstellungskraft.Genau das aber war im 19.Jahrhundert allerorten der Fall.Die gemeinsamen Vorstellungen, die Nationen sich von ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihren Triumphen und ihren Niederlagen machten, fanden in einprägsamen Bildern ihren Ausdruck, die im Original, viel mehr noch aber in ungezählten Reproduktionen ins kollektive Gedächtnis einsanken - und daraus zu gegebenem Anlaß als Ansporn oder Mahnung, je nach dem, heraufgerufen werden konnten.Mit solchen Bildern, mit gemalter Geschichte, mit (profaner) Historienmalerei also beschäftigt sich die Ausstellung "Mythen der Nationen", die das Deutsche Historische Museum (DHM) von heute an im Zeughaus zeigt.Das Haus und sein Leiter Christoph Stölzl sind ja ohnehin verliebt in Bilder; aus dem überzeugenden Grund, daß gleichermaßen wichtig wie die Realien der Geschichte die Interpretationen sind, die sich in Bildern verdichten und auch zu jenen sprechen, die sich auf Realien keinen Reim machen.Thema der Ausstellung sind also nicht allein die Bilder, die in Gestalt von rund 300 Leihgaben aus 18 europäischen Ländern nach Berlin gekommen sind, sondern gleichermaßen die Konstruktionen von Geschichte, in denen die Nationen ihre Identität gefunden haben.Dabei ergibt sich prima vista der Eindruck - wie die Projektleiterin Monika Flacke betont -, daß die Unterschiede so gewaltig nicht sind, vielmehr die Historienmalerei des 19.Jahrhunderts außerordentliche Ähnlichkeit aufweist.Gewiß unterscheiden sich die Ursprungsmythen der Nationen, wurden tausenderlei verschiedene Kriege geführt und Helden bejubelt oder betrauert, war auch die Religion mal einheitsstiftend und mal furchtbar spaltend.Aber der Zugang zur Geschichte und deren Verdichtung und Verbildlichung in heroischen Höhepunkten ist den europäischen Nationen jedenfalls im 19.Jahrhundert gemeinsam.Die künstlerische Ähnlichkeit steht nicht im Widerspruch zum Abgrenzungswunsch, der mit der Konstruktion der eigenen Nation einhergeht; es ist die Ähnlichkeit der Konstruktion, bei Verschiedenartigkeit des jeweiligen geschichtlichen Stoffes.Manchmal indessen gleichen sich die Stoffe bis zum Verwechseln einander an - so ist die Berufung auf "nationale" Helden, die den Kampf gegen die römischen Eroberer geführt haben, in ganz Europa verbreitet.Das 19.Jahrhundert erwacht überhaupt mit dem Begriff der Nation, den es zuvor so nicht gab und der im dynastischen Denken der Zeit des ancien régime keinen Platz hatte.Die Französische Revolution als Geburtsstunde der Moderne hat die Nation in die Welt gebracht - als Abgrenzungsbegriff; denn statt sich "der" Menschheit anzuschließen, wie sie die Revolutionäre in ihrem Staat zur höchsten Blüte gelangt sahen, begannen die von Napoleon unterworfenen Völker nach ihrer eigenen Herkunft zu fragen und die Geschichte als Legitimationsquelle ihrer nationalen (und folglich auch staatlichen) Eigenart zu entdecken.Die Geschichte trat an die Stelle der Religion - und mit ihr die Kunst, die aus der Geschichte die neuen Themen bezog.Die profane Historienmalerei stieg zur höchsten akademischen Gattung auf.Die bekanntesten und gefeiertsten Exempel hat die Ausstellung des DHM nicht aufzuweisen - sie sind in der Regel so groß, daß sie ihre angestammten Museen allein schon deshalb nicht mehr verlassen können.Aber was Monika Flacke und ihre Mitstreiter bekommen haben, lohnt den Besuch paradoxerweise auch deshalb, weil es sich nicht um die kunsthistorisch bedeutendsten Werke handelt.Denn das kollektive Gedächtnis heftet sich nicht so sehr an künstlerische Qualität als vielmehr an die Stimmigkeit eines Bildes."Petöfis Tod (Meine Heimat)" von Viktor Mandarasz (1875) für die Ungarn, der "Exodus aus Messolongi" von Theodoros Vrysakis (1853) im Falle Griechenlands oder "Wilhelm von Oranien auf dem Sterbebett" von Wouter Mol (1818) für die Niederlande: Das sind Beispiele solch volkstümlicher Geschichtsdarstellung; bei den genannten übrigens solche, die auf dunkle Stunden, auf Leid und Tod und Märtyrer verweisen, aus denen - so die Schlußfolgerung - um so strahlender die Zukunft erwächst.Wie sich schon in der Konstruktion von Geschichte vielfache Analogien zur christlichen Heilsgeschichte finden, so spiegelt auch die Ikonographie die der sakralen Kunst.Die Ausstellung ist in drei Abschnitte gegliedert: "Freiheit", "Glaube und Krieg" sowie "Woher wir kommen".Trennscharfe Abgrenzung gibt es allerdings nicht; denn die Frage nach dem Woher ist allzu oft mit der nach dem Krieg verbunden, und Kriege hat die heraufkommende Neuzeit insbesondere in Glaubensdingen gesehen, von der Lutherzeit über den Dreißigjährigen Krieg bis zur Abspaltung Belgiens.Und ebenso ist "Freiheit" im allgemeinen nur im Sinne der kriegerischen Befreiung vom Joch der Fremdherrschaft verstanden worden: als Freiheit der Nation.Die bürgerliche Freiheit, deren Erringung respektive Verhinderung die Aufstände und Revolutionen des 19.Jahrhunderts galten, finden in den Bildern der Ausstellung kaum Beachtung.Das mag an der zeitlichen Nähe liegen, die Versöhnung allenfalls im historischen Gewande erlaubte.Was ist denn überhaupt eine Nation? Der begleitende, handbuchartige Katalog beruft sich gleich eingangs auf Ernest Renan und seine berühmte Definition: "Eine Nation ist eine große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist.Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem faßt sie sich in der Gegenwart zu einem greifbaren Faktum zusammen: der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen." Diese conclusio aus dem Jahre 1882 ist es, die die Bilder im Zeughaus illustrieren.Solche Geschichtsseligkeit steht uns nicht mehr zu Gebote.Am Ende des katastrophendüsteren 20.Jahrhunderts muß man sich glücklich schätzen, wenn sich das Bild der Nation in Strickjacke und Holzstuhl fassen läßt. Deutsches Historisches Museum, Zeughaus, bis 9.Juni.Katalog (600 Seiten) 48 DM.

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