Kultur : Helden von gestern, Kriege von morgen

Eine neue Welle von martialischen Filmen aus Hollywood folgt der Erschütterung über den Terror. Das Pentagon dreht mit

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Von Mathias Heybrock

Wer die letzten Monate ins Kino ging, musste sich beinahe schon anstrengen, um nicht auf einen Kriegsfilm zu stoßen. Das war umso bemerkenswerter als es nach dem 11. September eigentlich hieß, das Publikum habe von Krieg und Katastrophen auf lange Zeit genug. Wurde nicht sogar jeder noch so harmlose Film geschnitten, damit der Anblick des World Trade Center uns erspart bleibt? Von solcher Zurückhaltung war bald keine Rede mehr. Vom Zweiten Weltkrieg („Windtalkers“) über Vietnam („Wir waren Helden“) bis hin zum Einsatz der Nato in Bosnien-Herzegowina („Im Fadenkreuz“) schlug man die Schlachten der jüngeren Zeitgeschichte noch einmal. Und mit „Der Anschlag“ fand auch das Szenario eines terroristischen Attentats auf die USA seinen Weg in die Säle.

Dabei bemühten sich die Filme nach Kräften, die Zuschauer möglichst intensiv am Kriegserlebnis teilhaben zu lassen. Den Maßstab dafür setzte bereits 1998 der Prolog von Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“. Auch die Konsolenspiele, die die Teilnahme des Spielers an der Handlung suggerieren, standen für diese Ästhetik Modell. Nun hatte bereits Lewis Milestone für „Im Westen nichts Neues“ von 1930 das ganze kinematografische Vermögen seiner Zeit mobilisiert, um dem Publikum den ersten Weltkrieg nahe zu bringen.

Gute Nerven im Kugelhagel

Doch ist es keinesfalls nur dem Fortschritt der Special-Effects-Abteilungen zu verdanken, wenn der Kinosaal gleichsam selbst zum Schlachtfeld wird, in dem ein Dolby-Surround-Stereoton die Kugeln in die Stuhlreihen einschlagen lässt. Denn konsequenter als jemals zuvor berücksichtigen die Kriegsfilme die Perspektive des Militärs, von dem zum Dank jede nur erdenkliche Unterstützung kommt. Für „Black Hawk Down“m der im Oktober auch hier in die Kinos kommt, wurden der Zeitschrift „Village Voice“ zufolge erstmals in der Geschichte der USA Truppen außer Landes geschafft, um die Realisierung eines Filmprojektes zu ermöglichen.

„Der Anschlag“ und „Wir waren Helden“ gelten den offiziellen Stellen mehr oder weniger als Staatskunst. Tatsächlich scheint es manchmal, als sähe man einen Lehrfilm der Militärakademie West Point, wenn etwa in „Wir waren Helden“ die Schlacht von Ia Drang geschildert wird. Der Zuschauer erkennt zunächst nur das Durcheinander eines Schlachtfeldes, auf dem die amerikanischen Soldaten von allen Seiten beschossen werden. Diesem Chaos drückt der von Mel Gibson gespielte Kommandant jedoch allmählich seinen Stempel auf: Auch im schlimmsten Kugelhagel verliert er nicht die Nerven. Er beordert Patrouillen, die die Koordinaten der feindlichen Stellungen registrieren und sie über Funk weiterleiten. Mit diesen Daten werden in einem nächsten Schritt Bomberpiloten und Artillerie versorgt, die ihr Feuer auf den Gegner richten.

Das geht nicht ohne Fehler in der Koordination ab, die Opfer in den eigenen Reihen kosten und unter noch größeren Opfern korrigiert werden müssen. Doch trotz dieses „friendly fire“, inzwischen eine Standardszene des Kriegsfilms, wird man Zeuge einer taktischen Meisterleistung, die den Gefechtsraum allmählich unter Kontrolle bekommt. Sie entspricht haargenau der militärischen Doktrin von Aufklärung, Kommunikation, Kommando und Kontrolle, die im Fachjargon „C3I“ genannt wird. Vergleichbare Szenen gibt es auch in John Woos „Windtalkers“. Und Ridley Scotts „Black Hawk Down“ lässt uns an den taktischen Feinheiten einer (gescheiterten) amerikanischen Mission in Somalia sogar in Spielfilmlänge teilnehmen.

Vietnam in der Rückblende

Was dagegen fehlt oder zumindest sehr an den Rand gedrängt wird, ist die historische oder politische Dimension der jeweiligen Konflikte, anhand derer sich vielleicht noch einmal ganz anders über den Sinn der Einsätze nachdenken ließe. Für alle gilt, was der Ranger McKnight (Tom Sizemore) zu Beginn von „Black Hawk Down“ sagt: „Wenn dir die erste Kugel um den Kopf fliegt, wird Politik scheißegal!“ Das mag stimmen. Nur erklärt es nicht, warum Hollywoods Filme sich so ausschließlich auf den Soldaten im Feld konzentrieren. Bei der Welle von Filmen, mit denen die USA Ende der 80er Jahre das Vietnam-Trauma bearbeiteten, war das ganz anders. In Oliver Stones „Geboren am vierten Juli“ (1989) ist der von Tom Cruise gespielte Held zunächst voller Begeisterung für den Krieg und ändert seine Haltung auch dann nicht, wenn dem er als Krüppel aus Vietnam heimkehrt. Erst allmählich erscheinen ihm die politischen Motive für den Einsatz schal. Zum Schluss nimmt er gar eine dezidiert ablehnende Haltung ein. Hinzu kommt, dass Stone dem innergesellschaftlichen Streit über das Für und Wider des Krieges einen großen Stellenwert einräumt.

Die neuen Filme spiegeln stattdessen lieber das heidnische Ethos, das Robert D. Kaplan der Ordnungsmacht USA in seinem Buch „Warrior Politics“ so dringend anempfiehlt: weniger Reflexion, weniger Moral; einfach ohne großes Nachfragen den kriegerischen Job tun. Kein Wunder, dass sich die offiziellen Stellen der USA von diesem Kino gebauchpinselt fühlen. Es muss eine Genugtuung sein, in solchen Produkten nachvollzogen zu sehen, was der journalistischen Kriegsberichterstattung bereits seit dem Golfkrieg gelungen ist: die Kontrolle über das Bild. Damit scheint das Wort des Zukunftsforschers Alvin Toffler eingelöst, der CNN und Hollywood 1997 als „Medienhaubitzen“ der Armee beschrieb.

Dabei ist gar nicht so wichtig, dass all diese Filme bereits vor dem 11. September produziert wurden. Schließlich hat man die Strategien für den Afghanistan-Feldzug auch nicht erst als Reaktion auf die Attentate entwickelt. Pläne für diesen oder einen ähnlichen Kampfeinsatz lagen spätestens seit Ende der 90er Jahre in den Schubladen. Genauso reicht die intensive Austauschbeziehung zwischen Hollywood und dem Militär weiter zurück. Sie wird der Öffentlichkeit aber erst jetzt bewusst. Das von der Armee finanzierte Institute for Creative Technolgies, in dem Experten der Unterhaltungs- und Computerspiel-Industrie sowie Wissenschaftler für künstliche Intelligenz arbeiten, existiert seit 1999.

Das post-heroische Militär

Man kann in dieser engen Zusammenarbeit so etwas wie die Militarisierung der Abendunterhaltung erkennen. Man kann freilich auch darüber staunen, wie offenherzig das Kino über die Strategien der US-Armee Auskunft gibt. Denn das gereicht ihr keineswegs nur zum Vorteil, wie etwa „Black Hawk Down“ zeigt. Auch dort wird dem Publikum die perfekte Organisation der Armee in Reinkultur vorgeführt: Per Videobild ist der verantwortliche Offizier über jeden Schritt seiner Bodentruppen informiert und kann sie im Gegenzug mit den neuesten Erkenntnissen über Feindbewegungen versorgen. Doch wie in so manchem Vietnamfilm (oder in „Star Wars“) bleibt die imperiale Macht USA auch durch ihre extreme technologische Überlegenheit nicht vor einer schlimmen Schlappe bewahrt. Ein Militär mag daraus die Lehre ziehen, noch stärker an der Technologie zu feilen. Jeder andere Zuschauer erkennt vermutlich eher die Hirnrissigkeit des Unternehmens. Schon deshalb lassen sich die Filme kaum als reaktionäre Propaganda abtun. Und was immer sich über den von der Kritik verrissenen „Wir waren Helden“ sagen lässt: Als Rekrutierungsvideo kann man dieses Massensterben amerikanischer und vietsischer Soldaten kaum bezeichnen.

Das Militär freilich setzt längst schon auf eine andere Bildpolitik, für die es nicht mehr Hollywood, sondern eher die digitalen Bildschmieden braucht. So genannte intelligente Waffen sind gleichzeitig digitale Kameras, die sich per GPS selbst ins Ziel steuern können. Anstelle von Patrouillen betreiben automatische Drohnen Feindaufklärung. Der Filmemacher Harun Farocki erkennt darin in seinem Essay „Auge/Maschine“ den Versuch, Kriege weitgehend ohne Soldaten zu führen – eine Entwicklung, die parallel zum kapitalistischen Traum von einer Warenproduktion ohne Arbeiter verläuft. Eine Rationalisierungsmaßnahme, die sich durchaus als human versteht. Sie soll eigene Verluste vermeiden. Die andere Seite (oder auch ein Verbündeter der Nordallianz) bleibt in dieser Kalkulation freilich unberücksichtigt. Für dieses „post-heroische Militär“, wie Edward Luttwak es 1996 nannte, ist Hollywood wohl verloren. Der Soldat als Informatiker, der Daten sammelt und auswertet, taugt kaum zum Helden.

So gesehen erscheinen die aktuellen Kriegsfilme eher als Rückzugsgefechte: Als Denkmale für die kämpfende Truppe, der zumindest ein Teil der militärischen Strategen in den USA keine große Rolle in den Kriegen der Zukunft mehr zubilligen mag.

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