Kultur : Helden wie nie

Früher endeten Kriege mit einem Friedensvertrag. Heute hören sie nicht auf – im Irak, im Kosovo, in Afghanistan. Was der Westen nicht versteht

Herfried Münkler

Die klassischen zwischenstaatlichen Kriege endeten mit dem Friedensschluss; in der Regel gingen die Kampfhandlungen bereits mit der Vereinbarung eines Waffenstillstandes zu Ende. Das ist bei den neuen Kriegen, die an die Stelle der herkömmlichen Staatenkriege getreten sind, gänzlich anders: Sie enden, wenn überhaupt, nicht durch Friedensverträge, sondern durch Friedensprozesse, und die Waffenstillstände, die dabei inflationär vereinbart werden, halten zumeist nur ein paar Tage. Seitdem die Staaten nicht mehr die ausschließlichen Herren des Krieges sind, sondern mit Warlords und privaten Sicherheitsunternehmen, halbprivaten Milizen und Netzwerkorganisationen eine Fülle nichtstaatlicher Kriegsakteure hinzugekommen sind, sind die alten, scharf gezogenen Grenzen zwischen Krieg und Frieden porös geworden. Der Krieg ist nicht wirklich zu Ende, der Friede hat noch nicht begonnen – im Irak, in Afghanistan, in weiten Teilen des subsaharischen Afrika, mit Abstrichen selbst im Kosovo.

Nun sollte man das Neue an diesen Entwicklungen nicht überzeichnen. Nur wo die Staaten die ausschließlichen Herren des Krieges waren und das Militär das Monopol der Kriegführungsfähigkeit inne hatte, waren die Grenzziehungen zwischen Krieg und Frieden scharf ausgeprägt. Dass Unterschriften von Politikern oder Militärs unter Friedensverträgen Bindewirkung besitzen, hängt unter anderem von der Existenz hierarchisch aufgebauter Organisationen mit diszipliniertem Personal auf beiden Seiten ab. In vielen der neuen Kriege sind diese nicht anzutreffen. So fehlt nicht nur die Bindekraft innerhalb der eigenen Organisation, sondern auch das Vertrauen in die der Gegenseite.

In der langen Geschichte des Krieges war das selten anders, am ehesten noch in Europa vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. In den Kriegen, die die europäischen Kolonialmächte außerhalb des Kontinents geführt haben, wie überhaupt in imperialen Kriegen gab es jedoch keine Verbindlichkeit, wenn sie zu Ende gingen, in Bürgerkriegen erst recht nicht. Es ist eines der zentralen Charakteristika der neuen Kriege, dass bei ihnen Merkmale von Bürgerkriegen mit solchen imperialer Kriege zusammenfließen. Zu beiden gehört, dass es keine scharfe Grenze zwischen Krieg und Frieden gibt, dass die wechselseitige Anerkennung der Kriegsparteien fehlt und es deshalb keinen Übergang vom Krieg zum Frieden in Gestalt eines Vertrags oder Abkommens geben kann. Die sich selbst als überlegen begreifende Seite sucht ihren Willen durchzusetzen, die militärisch unterlegene Seite sucht dies mit allen Möglichkeiten zu durchkreuzen. Unter diesen Umständen kann sich der auf niedrigem Niveau fortdauernde Krieg endlos dahin ziehen.

Aber die Zeit arbeitet nicht für die Stärkeren, sondern für die Schwächeren. Deshalb haben diese ein Interesse daran, schnelle, endgültige Entscheidungen zu verhindern. Eine Entscheidungsschlacht, der Kulminationspunkt des klassischen Staatenkrieges, würde die deutlich schwächere Seite in jedem Fall verlieren. Dagegen werden die Erfolgsaussichten der stärkeren Seite um so schlechter, je mehr sich der Krieg in die Länge zieht. Die stärkere Seite sucht darum den Gegner zu stellen und zu vernichten. Der hingegen setzt alles daran, sich diesem Zugriff zu entziehen und den Fortgang der Kampfhandlungen auf das Niveau von Nadelstichen zu begrenzen, die gelegentlich auch etwas heftiger ausfallen können.

Das ist eine Variante der klassischen Partisanenstrategie: Auch sie setzte gegen das Prinzip einer Konzentration der Kräfte den Grundsatz einer möglichst umfassenden räumlichen Ausweitung und zeitlichen Ausdehnung der Kampfhandlungen. Es sind also nicht nur strukturelle Faktoren, die dazu führen, dass die jüngsten Kriege nicht enden wollen, sondern es gibt auch Akteure, die von einer Fortdauer der Kriege profitieren.

Die Fähigkeit, einen Krieg in die Länge zu ziehen und dabei die Einwilligung in einen von der stärkeren Seite diktierten Frieden zu verweigern, ist freilich nicht selbstverständlich. Westliche Gesellschaften sind zu einer solchen Art von Kriegführung nicht in der Lage. Ihre Mentalität lässt sie nahezu jeden nur denkbaren Frieden der Fortsetzung eines Krieges vorziehen. Diese Einstellung erklärt zugleich, warum wir die Fortdauer des Krieges in anderen Gesellschaften nicht verstehen können.

Gut, westliche Gesellschaften sind reiche Gesellschaften, und die haben im Krieg erheblich mehr zu verlieren als arme und rückständige Gesellschaften – jedenfalls in materieller Hinsicht. Aber der Verweis auf die Armut als Ursache und Motor für die Fortsetzung des Krieges reicht nicht aus. Selbst bitterarme Gesellschaften können durch lange währende Kriege noch ärmer werden, wie viele Beispiele aus dem subsaharischen Afrika zeigen. Jahrzehnte lange Kriege haben hier Armut in nacktes Elend verwandelt.

Noch ein Problem: Je länger ein Krieg dauert, desto weniger ist die betroffene Gesellschaft in der Lage, gemeinsame Interessen zu artikulieren und diese politisch zur Geltung zu bringen. Die Macht fällt dann kleinen gewaltbereiten Gruppen und charismatischen Führern zu, deren Interessen decken sich nicht mit denen der gesamten Gesellschaft. Sie wollen, auch wenn dies auf den Ruin von 95 Prozent der Bevölkerung hinausläuft, den Krieg unter allen Umständen fortsetzen. Sei es, weil sie so an die alleinige Macht zu kommen hoffen, sei es, weil der Krieg ihnen zum Lebensunterhalt geworden ist und sie vom Frieden nur Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Marginalität zu erwarten haben – im Unterschied zu den meisten anderen.

Dennoch genügt eine ausschließliche Betrachtung von Interessenkonstellationen und der Funktionalität von Gewalt kaum, um die Friedensunfähigkeit vieler Gesellschaften zu erklären. Hinzu kommt eine Friedensunwilligkeit, die nicht nur aus Interessen erwächst, sondern auch aus Werten. Westliche Gesellschaften sind postheroische Gesellschaften. Das heißt, Opfer und Ehre, die in Kriegen zu erbringen und zugleich zu erwerben sind, spielen hier keine Rolle. Kriegerische Gewalt wird nicht mehr als Generator von gesellschaftlicher Anerkennung angesehen, und die Soldatenehre begründet keinen Anspruch auf eine gesellschaftlich herausgehobene Position.

Angesichts ihrer Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begreifen die Europäer, und besonders die Deutschen, dies als großen Fortschritt. Deshalb können sie heroische Gesellschaften nur als rückständig begreifen. Denn bei diesen spielen Würde, die mit Gewalt zu verteidigen ist, und Ehre, die aus der Bereitschaft zum Selbstopfer erwächst, eine nach wie vor große Rolle. Die Europäer schlagen diesen Gesellschaften deshalb vor, sich in ebenfalls postheroische Gesellschaften nach europäischem Vorbild zu verwandeln. Aber das stößt bei den Gruppen, die in heroischen Gesellschaften oder Regionen mit endemischen Kriegen das Sagen haben, auf Verachtung. Sie lassen sich vielleicht alimentieren für das Versprechen, hinfort auf Gewalt verzichten zu wollen. Aber gebunden fühlen sie sich an dieses Versprechen nicht, denn es wurde ja Leuten gegeben, die Würde und Ehre nicht kennen. Die kurzzeitig aufgeflammten Unruhen im Kosovo haben dies nur zu deutlich gezeigt.

Auch die Amerikaner, deren hollywoodgefertigter Popheroismus eigentlich eine unendliche Geschichte von Würde und Ehre ist, haben deren Bedeutung bei den Planungen für den Nachkriegsirak fahrlässig unterschätzt. Wenn man den statistischen Erhebungen trauen darf, sahen im Mai 2003 nahezu die Hälfte aller Iraker die amerikanischen Truppen als Befreier an. Inzwischen gelten sie über 80 Prozent der Bevölkerung als Besatzer. Das hat damit zu tun, dass es den USA nicht gelungen ist, die Versorgungs- und Sicherheitslage im Irak in den Griff zu bekommen. Aber es liegt vor allem am Auftreten der Amerikaner, das für viele Iraker einfach nur demütigend ist.

Der Widerstand gegen den Frieden mag anfangs von den Interessen der SaddamLoyalisten bestimmt worden sein. Inzwischen sind längst andere Faktoren entscheidend, nicht zuletzt Selbstverständnis wie Gestus einer heroischen Gesellschaft. So wird der gewaltsame Widerstand zu einem Wert an sich, und der Frieden rückt in immer weitere Ferne. Er gilt nämlich als unehrenhaft.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität. Zuletzt erschien von ihm „Die neuen Kriege“ (jetzt als Taschenbuch bei Rowohlt) .

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