Kultur : Heldenherz und Hasenpfote

Tom Cruise rettet in „Mission: Impossible III“ die Welt – und Heim und Herd dazu

Bodo Mrozek

Es ist eine absurde, ausweglose Situation. Der geheime Superagent Ethan Hunt (Tom Cruise) sitzt gefesselt auf einem Stuhl, vor seinen Augen droht ein Fiesling seine Frau zu erschießen. Wo ist die „Hasenpfote“? Das Problem: Hunt hat keine Ahnung, wo die Hasenpfote ist. Er weiß nicht einmal, ob sich hinter diesem albernen Codenamen eine Bombe, ein Medikament oder eine Botschaft verbirgt. Die Kamera verharrt auf den vor Schreck geweiteten Augen der Ehefrau. Dann fällt ein Schuss.

„Mission: Impossible III“ beginnt dramatisch. Der Film liefert die Rückblende zur Eingangsszene, alles läuft auf jenen düsteren Moment zu, eine Folterszene, wie man sie im Kino zurzeit häufiger sieht, in „Syriana“, „Guantanamo Bay“ oder „Hostel“. Für ein Abenteuer vom Schlage „Mission: Impossible“ ist es dennoch ungewohnt. Die Thriller-Serie lebt schließlich davon, sich immer wieder neu zu erfinden. Ihren ersten Einsatz hatte die Impossible Mission Force vor einem halben Jahrhundert in Bruce Gellers Fernsehserie. Ihr Auftrag: Sie sollte das Genre der Caper-Movies zur Serienreife bringen, in denen ein Team von Spezialisten eine minutiös geplante Operation durchführt. Die TV-Serie war auf der Höhe der Sechzigerjahre. Ein Team von Spezialisten operierte gewaltfrei mit aufwändig inszenierten Finten. Dabei half stets die neueste Technik: Die Fortschrittsgläubigkeit des Space-Age floss harmonisch mit dem friedensbewegten Geist der Hippie-Ära zusammen.

Fünfzig Jahre später sieht die Welt etwas anders aus. Es tobt ein globaler Krieg, die Super-Schurken treiben religiöse Motive. Die von Brian de Palma 1996 erstmals fürs Kino unterkühlt in Szene gesetzten Abenteuer des Ethan Hunt wollten zunächst dem britischen Kollegen James Bond Konkurrenz machen, der seit Ende des Kalten Krieges an einer Sinnkrise laboriert. In „Mission: Impossible II“ setzte Action-Regisseur John Woo im Jahr 2000 auf Martial Arts und zitierte sich ausgiebig selbst. Nun darf sich ein Kino-Neuling versuchen. Regisseur und Drehbuchautor J.J. Abrams hat sich mit Agenten-Fernsehserien einen Namen gemacht, „Mission: Impossible III“ ist sein Leinwanddebüt.

Agent Hunt hat sich ins Privatleben zurückgezogen. Er führt ein beschauliches Dasein zwischen Cocktail-Party, Hund ausführen und Supermarkteinkauf. Doch es kommt, wie es kommen muss: Der Mann der Tat muss zurück ins Gefecht. Eine Agentin wird von Gangstern in der unwirtlichen Stadt Berlin entführt, und wenige Stunden später veranstaltet Cruise / Hunt ein gewaltiges Feuerwerk, bei dem keine Gefangenen gemacht werden. Von der deutschen Hauptstadt ist dabei nichts zu sehen außer einem öden Industriekomplex, der auch in Detroit oder Düsseldorf stehen könnte – angeblich, weil das Filmteam keine Drehgenehmigung für das Regierungsviertel bekam.

Dann überschlagen sich die Ereignisse quer um den Erdball: Ein Erzschurke (Philip Seymour Hoffman) wird nach CIA-Manier aus dem Vatikan gekidnappt, in Schanghai muss Hunt mit artistischen Tricks in ein Hochhaus einbrechen. Cruise bekommt abermals seine EinMann-Show, das multiethnische Team bleibt dabei dezent im Hintergrund. Der schwarze Spezialist Luther (Ving Rhames) muss durch den stinkenden Unrat der Abwasserkanäle kriechen, die Asiatin Zhen, gespielt vom Hongkong-Star Maggie Q, ist für kalten Sex zuständig und stiftet im Vatikan mit einem Kleid Verwirrung, das ohne weiteres als Todsünde durchgehen dürfte. Im Rampenlicht aber steht der weiße Superheld, der mal wieder die Kastanien aus dem Feuer holen muss und nebenbei seine Achillesferse verteidigt: Die Liebe zur Ehefrau, zu Heim und Herd macht ihn verwundbar. Ein Thema, das mit Action-Parodien wie „True Lies“ oder „Mr. And Mrs. Smith“ längst hinreichend ironisiert wurde.

Schauspielerisch ragt nur der Oscar-gekrönte Philip Seymour Hoffman („Capote“) heraus, der als gefühlskalter Zwecksadist den eiskalten Oberschurken mimt, Laurence Fishburne bleibt als undurchsichtiger Chef eher blass. Die mit einer allzu wackeligen Kamera (Dan Mindel) fotografierte Jagd inszeniert Action als lustvolle Zerstörung jener Statussymbole, die den Traum des Kapitalismus ausmachen. Und wo die Rettung der Welt ohnehin Programm ist, braucht auch das Rätsel der ominösen Hasenpfote keine Auflösung mehr.

Das Action-Kino, in „Mission:Impossible III“ zweifellos auf der Höhe seiner effektreichen Kunst, ist heute das Zusammenspiel von Work-Out-gestählten Fitnesskörpern und übermächtiger Technik, von Menschmaschine und IT. Diesem Fetischismus opfert das Cruise-Kino die fünfzig Jahre alte Idee von der über rohe Muskelkraft triumphierenden Intelligenz. Stattdessen schleppt er RunningGags aus der Klamottenkiste mit sich herum: die unvermeidlichen Gesichtsmasken oder Nachrichten, die sich selbst zerstören. Das Thema zu neuem Leben erwecken: Diese Mission ist leider auch für den TV-Regisseur J. J. Abrams unmöglich.

Ab Donnerstag im Kino

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