Kultur : Heldenmärchen

Gerd Appenzeller

Das Faszinierende an den Mythen des alten Griechenland ist nicht nur deren Farbigkeit und Dramatik. Die Hellenen verstanden es auch meisterhaft, ihre Heldenmärchen aus fernen Zeiten abzuleiten, in denen die Götter noch auf Erden wandelten und das Schicksal der Menschen bestimmten, sich gar mit ihnen vermählten und so Generation um Generation von Abkömmlingen des Olymp in den Herrscherschichten weiterlebte. So schließt sich der Kreis von der Verehrung der Gottheit bis zum Helden. Wenn Erstere die Irdischen in Versuchung führen, sind alle Zutaten für große Dramen gegeben.

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Eins der größten, den Kampf um Troia, schildert Homers „Illias“. Über die Jahrhunderte hinweg beschäftigte die Menschen – nicht nur die humanistisch gebildeten – die Frage, wo die Trennlinie zwischen Dichtung und Wahrheit verläuft. Heinrich Schliemann hauchte dem Mythos mit seinen Ausgrabungen neues Leben ein, zumal er in seiner Biografie aus der „Illias“ abgeleitete Deutungen der Funde mit den Ausgrabungen zur neuen Legende verband. Wie tief Troia die europäische Kulturgeschichte prägt, erhellt die Tatsache, dass die Türkei ihren Anspruch auf EU-Beitritt auch mit dem Hinweis auf Troia verbindet, das ja auf kleinasiatischem Boden lag.

Wenn der Althistoriker Martin Zimmermann Texte über die Troia-Rezeption vom Mittelalter bis zur Neuzeit mit solchen über Troia im Film und in Ausstellungen verbindet, ist das auch ein vergnügliches Lesebuch darüber, wie sich der Mythos Troia im Lauf der Jahrhunderte verwandelte. Und wie er immer wieder instrumentalisiert wurde.

Martin Zimmermann (Hg.): Der Traum von Troia. Geschichte und Mythos einer ewigen Stadt. Verlag C. H. Beck, München. 239 Seiten, 22,90 €.

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