Kultur : Helena muss sterben

„Orest“ in Amsterdam: Manfred Trojahn hat einen neuen Schluss für den Atridenstoff komponiert.

von
Gefährliche Geschwister. Dietrich Henschel (Orest), Sarah Castle (Elektra). Foto: Baus
Gefährliche Geschwister. Dietrich Henschel (Orest), Sarah Castle (Elektra). Foto: Baus

Der Vorhang in der Amsterdamer Oper gibt eine bürgerliche Wohnidylle frei: Stehlampe, Couch, geputzter Weihnachtsbaum. Diese Ruhe ist trügerisch, das ist klar. Schließlich hat Orest gerade seine Mutter und ihren Liebhaber getötet. Und tatsächlich, als der Vorhang noch ein Stück weiterruckelt, erscheint im oberen Stockwerk eine entsetzliche Szene: Zerwühlte Laken, eine kaputte Nachttischlampe, offensichtlich das Mordinstrument, und an der Wand zwei riesige, dunkel glänzende Blutflecken. Forensiker sichern Spuren. Der Täter liegt unten im Wohnzimmer auf der Couch und hält sich die Ohren zu – sinnlos. Sechs Frauenstimmen, per Lautsprecher übertragen und begleitet von sechs Violinen, rufen „Orest! Orest!“, immer wieder. Es sind die Erinnyen, die ihn in den Wahnsinn treiben wollen.

Nach der Lektüre der antiken Dramen war der Komponist Manfred Trojahn unzufrieden mit dem Schicksal des Orest und dem kitschigen Schluss, wenn Apollo Versöhnung befiehlt und so der Fluch, der auf seiner Familie lastet, endet. Schuld lässt sich nicht einfach ablegen, so Trojahn, man muss mit ihr zu leben lernen. Seine Version der Geschichte geht so: Elektra stachelt ihren Bruder zu einem weiteren Mord an, diesmal an Helena. Erst als auch sie tot ist, merkt Orest, wie charakterlos und fremdbestimmt er gewesen war, emanzipiert sich von seiner Schwester und von Apoll und zieht mit Hermione, Helenas Tochter, davon: „Gott, alter Gott – ich bin nicht der, der ich sein soll.“

Mit seiner sechsten Oper schreibt sich Trojahn – erstmals als sein eigener Librettist – ein in die lange Liste künstlerischer Verarbeitung des Atridenstoffes, die von Euripides und Aischylos über Gluck, Goethe, Hofmannsthal und Strauss bis zu Sartre reicht. Trojahn sagt es so: „Es gibt Exponate unserer Kultur, die eine immerwährende Relevanz haben, die uns anregen, in ihnen unsere eigene Position zu spiegeln.“ Auf der Opernbühne ist Griechenland noch längst nicht jener Paria, zu dem das Land finanzpolitisch geworden ist.

Aus seiner Liebe zur Tonalität macht Trojahn keinen Hehl. Der schlanke 90-Minüter „Orest“ ist so lang wie „Elektra“ und klingt wie modernisierter Richard Strauss, allerdings nicht mit der gleichen fiebrig-dramatischen Erregung. Ähnlich der „Agamemnon“-Tonfolge in „Elektra“ ziehen sich die „Orest“-Rufe des Beginns motivgleich durchs ganze Werk. Am überzeugendsten ist die Partitur in den ausgeklügelten Schlagwerkeinsätzen und dann, wenn sie traditionelle Formen zitiert: Ein Terzett für Elektra, Helena und Hermione oder ein langsam zerfallendes Madrigal für acht Männerstimmen. Bei Marc Albrecht ist die Partitur in guten Händen. Das Nederlands Philharmonisch Orkest ist wesentlich kleiner besetzt als ein Strauss-Orchester, so dass die Soli von Kontrabassklarinette oder Kontrafagott gut zu hören sind. Über weiter Strecken hat Trojahn allerdings zurückhaltend instrumentiert. Häufig wirkt das Orchester nur wie Dekor für die Singstimmen. Nach dem Helena- Mord fällt die Spannung ab, dann erklingt lange nur ein einziger Ton in den Kontrabässen. Da wird es schnell zäh, was schade ist, denn eigentlich ist das der dramatische Höhepunkt.

Rosemary Joshua (Helena), Romy Petrick (Hermione), Sarah Castle (Elektra) singen faszinierend, mit jeweils ganz eigener Klangfarbe und Charakteristik. Enttäuschend dagegen Dietrich Henschel: Sein Orest macht keine Entwicklung durch, gibt sich am Ende ähnlich kleinmütig wie am Anfang. Von Emanzipation oder aufrechtem Gang ist nichts zu sehen. Gelungen ist die Idee der britischen Regisseurin Katie Mitchell, das Stück in der Intimität eines modernen bürgerlichen Heims aufzuführen: Die verborgenen Kraftlinien und Grausamkeiten der Familie, ihr terroristisches Potenzial, werden hier verräterisch deutlich.

Humor kennt Mitchell auch: Der Mord („Orest stürzt wie eine Maschine auf Helena und tötet sie“ heißt es im Libretto) wird mit einer Schlagbohrmaschine vollzogen. Doch auch wenn am Schluss zwei Menschen miteinander davonziehen: Trojahn serviert kein Happy End, keine naive, ungebrochene, unreflektierte, stürmisch-unmittelbar durchlebte Liebesgeschichte. Orest ist nicht glücklich. In der letzten Szene notiert er etwas in sein Tagebuch. Das Erlebte wird schon wieder Literatur.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben