Helene Hegemanns neuer Roman : Ich und die Kleinen

Minderjährige aus kaputten Elternhäusern in Extremsituationen: Helene Hegemanns neuer Roman "Jage zwei Tiger".

von
Die 21 Jahre alte Schriftstellerin Helene Hegemann
Die 21 Jahre alte Schriftstellerin Helene HegemannFoto: dpa-bildfunk

Am besten und witzigsten ist Helene Hegemanns neuer Roman „Jage zwei Tiger“ immer dann, wenn sie sich als allwissende Erzählerin selbst sichtbar macht und in die Quere kommt, distanzierend, ironisch, verwundert. „Dies sei ihr posthum als guter Move angerechnet“, lobt sie zu Beginn eine tote Frau dafür, dass diese zu Lebzeiten, statt einen bekannten Journalisten zu heiraten, lieber Sex mit „dumpfen Surferboys“ hatte. Dann erscheint ihr ein Satz schon einmal als „uninteressant“, ohne dass sie auf ihn verzichten würde. Oder sie fragt sich „O, Gott, habe ich das wirklich geschrieben?“, als sie in Form eines Kurzreferats die Lieblingsmusik ihrer Heldin Cecile vorstellt und eine der Bands sie an die „frühen Doors“ erinnert. Kurz darauf versichert sie, „dass Cecile zu den weniger durchgeballerten Charakteren in diesem Roman gehört, aber sehr sympathisch ist“. Und ihr entfährt noch: „Und ja, scheiße, apropos Roman.“

Man hat allerdings auch den Eindruck, dass solche Sätze weniger spontan, sondern der 21 Jahre alten Autorin ein Bedürfnis sind – und sie sich nebenbei mit einer gewissen Unernsthaftigkeit Luft zu verschaffen versucht. Denn wie man in sorgfältig vorab platzierten Interviews nachlesen konnte, sind Helene Hegemann die Diskussionen um ihre Person und ihren 2010 veröffentlichten Debütroman „Axolotl Roadkill“ sehr an die Nieren gegangen. Nach ersten überschwänglichen Besprechungen hatte sich damals herausgestellt, dass sie mitunter ganze Absätze abgeschrieben hatte, insbesondere bei dem Szene-Autor Airen, worauf nicht nur in den Feuilletons eine wochenlange Plagiatsdebatte geführt wurde. Dem Erfolg ihres Club-, Drogen- und Lost-Generation-Romans schadete das keineswegs. Im Gegenteil, beinahe wäre die damals knapp 18-Jährige gar mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden.

Und ja, apropos neues Buch: Jetzt schaut und liest wieder die ganze Welt. Der Name Hegemann ist schließlich einem literaturfernen Publikum genauso ein Begriff wie dem Literaturbetrieb, ähnlich wie der von Charlotte Roche, wenn auch aus anderen Gründen. Die Last der öffentlichen Erwartung (und womöglich der eigenen) spürt auch Helene Hegemann, und so heißt es für sie, widerborstig-schnoddrig zu sein und sich lustig zu machen über das Romanschreiben und Romane überhaupt. So wie Cecile auf die Frage ihrer Mutter, ob sie nichts essen wolle, „unweigerlich an all die Romane denken“ muss, „ deren Protagonisten am Esstisch ständig aus irgendwelchen Tagträumen hochschrecken.“

Hegemanns popkulturelle Bildung ist verblüffend

Während der Plagiatsdebatte war trotz der Buchpreisnominierung zunehmend in den Hintergrund getreten, ob Hegemann wirklich eine literarische Begabung ist. Einen eigenen Ton konnte man ihr nach dem Erscheinen ihres Debüts guten Gewissens attestieren, auch sprachliche Kraft, und doch steckt in „Axolotl Roadkill“ viel Murks, viel Ungelenkes, viel Kraut und Rüben. „Jage zwei Tiger“ liest sich flüssiger, ist fantasievoller. Auf verschwiemelte, umständliche Sätze wollte Hegemann jedoch nicht verzichten, und auch dass sie diese mit mehr oder weniger nützlichen Informationen über ihre Protagonisten geradezu vollstopft, wirkt befremdlich. Zudem fragt sich, ob das Lektorat nicht zumindest einige der inflationär gebrauchten, nervtötenden Partizipialkonstruktionen hätte auflösen können.

Verblüffend ist die umfassende popkulturelle Bildung Hegemanns – und mit welcher Lässigkeit und Bosheit sie den Lifestyle der Reichen und Kreativen vorführt, sich aber auch in den Lebensabgründen des White Trash auskennt. Nur eine Erzählung will in „Jage zwei Tiger“ nicht so richtig in Gang kommen, soll aber auch nicht: Als ihr Ego wieder einmal mit ihr durchgeht („Was habe ich eigentlich in der ganzen Zeit gemacht?“), erklärt Hegemann, dass es hier ja nicht um sie geht, sondern um „Minderjährige in Extremsituationen“. Oder mehr noch: um Jugendliche mit Extrembiografien, die wiederum mit dem Lebensmodell ihrer durchgeknallten Eltern kollidieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben