Kultur : Helfer und Opfer: Bis ins Innerste

Armin Lehmann

Christian Lüdkes Stimme ist deutlich und klar. Er ist hellwach. Dabei ist es beim ihm noch dunkel. Seine Uhr zeigt fünf Uhr morgens. Lüdke sitzt in einem Hotel gleich um die Ecke des Broadway in New York. Seit einer Woche ist der Traumatologe aus Deutschland in Manhatten, seit einer Woche arbeitet er rund um die Uhr. Von morgens bis in die Nacht. "Die Leute hier haben ein ganz anderes Zeitgefühl, einen völlig anderen Rhythmus. Sie arbeiten und arbeiten. Manchmal bis weit nach Mitternacht. Und morgens um sieben sind sie schon wieder da." Dieses Ruhelose, das Zurückwollen in den Alltag ist auch Teil des Aufarbeitungsprozesses der New Yorker. Dennoch fällt das Urteil von Lüdke nach seinen Eindrücken pessimistisch aus. "Der Schockzustand hält noch immer an. Die Gefahr, dass die Traumata der Menschen chronisch werden, ist groß."

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Lüdke leitet am Deutschen Institut für Psychotraumatologie die Abteilung für Notfallpsychologie und Akut-Intervention. Er hat unter anderem mit Opfern des Concorde-Absturzes gearbeitet und die Opfer des Bombenanschlags in Düsseldorf behandelt. "Aber für das, was hier in New York geschehen ist, gibt es keinen Vergleich. Deshalb sind nach so kurzer Zeit medizinische Prognosen für den Aufarbeitungs- und Heilungsprozess kaum zu machen."

Schockzustand. Man ahnt ein wenig, was damit gemeint sein könnte. Aber es ist nicht leicht zu sagen, was mit den Menschen in New York und anderswo passiert ist. Lüdke erklärt es anhand der Ozonschicht. Jeder Mensch hat so eine Schicht, eine Schutzschicht um sich herum. Wenn aber ein geliebter Mensch stirbt, dann bekommt diese Schicht einen Riss. Auch Menschen, die keine Angehörigen, Freunde oder Bekannten verloren haben, sondern aufgrund der schrecklichen Bilder im wahrsten Sinne des Wortes erschüttert waren, können einen Riss in ihrer Schutzschicht bekommen haben.

Der Schockzustand ist in gewisser Weise ein Schutz. Die Fachleute sprechen von emotionaler Taubheit oder Dissoziation, der Mensch ist unempfindlich gegenüber den eigenen Gefühlen. Der Körper setzt quasi den Autopiloten in Gang, aktiviert die lebenswichtigen Funktionen. Dazu gehören normalerweise zwei Mechanismen: Kampf oder Flucht. Beide sind in diesem Fall nur eingeschränkt abrufbar, sie blockieren sich sogar, und statt dessen friert der Körper sozusagen ein, der Mensch zieht sich in sein Innerstes zurück, gleicht einem Eisblock.

Doch diese Schock- oder Schutzphase, sagt Lüdke, dauert normalerweise zwischen 48 Stunden und einer Woche. Das Problem für viele Menschen in New York ist, sie kommen auch nach knapp drei Wochen einfach nicht heraus aus diesem Zustand. Und das ist nicht gut. So kann auch die so genannte Einwirkungsphase nicht beginnen, die Phase, in der die Geschehnisse wirklich verarbeitet werden und in der eine Therapie unbedingt einsetzen muss, um Langzeitschäden zu vermeiden. Diese Phase ist gekennzeichnet durch drei Hauptsymptome: Erinnerungsbilder, Vermeidungsstrategien wie Versuche, sich zu entziehen, Gefühle nicht zuzulassen. Schließlich: Überreaktionen, Schlafstörungen, körperliche Leiden.

Lüdke sagt: "In New York sind viele Menschen noch immer in der Phase des Schockzustandes, weil sie es einfach nicht begreifen können. Das Erlebte ist zu grauenvoll." Lüdke und seine Kollegen können im Moment nur versuchen, den körperlichen und seelischen Zustand der Menschen zu stabilisieren. Normalerweise hilft dabei die schnelle Rückkehr in den Alltag. Bei den befreiten Geiseln von Jolo war das so. Die deutsche Familie Wallert sollte so schnell wie möglich wieder normal leben, der Vater ging in die Schule, Verwandte gaben Rückhalt. Die Familie und der Beruf können helfen. Aber in New York?

Dort haben die Menschen nicht nur ihre Angehörigen oder Freunde verloren, sondern viele auch ihren Arbeitsplatz. Hinzu kommt: Es gibt keine Toten, die man begraben oder um die man trauern, keinen sichtbaren Feind, den man bekämpfen könnte. Diese Gründe lassen den seelischen Schockzustand anhalten. Lüdke sagt, dieses Phänomen gelte nicht nur für Angehörige. "Ob Polizei, Feuerwehr oder Nationalgarde. Alle sind bis heute bis ins Innerste erschüttert. Das ist eine grundlegende, nachhaltige Erschütterung." Die Zeit werde hier keine Wunden heilen.

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