Kultur : "Helges Leben": Ohne Menschen

Christoph Funke

Okay, die Menschen sind nicht mehr. Sagt der Tod in einem "schönen Theaterstück", geschrieben von Sibylle Berg unter dem Titel "Helges Leben". Schönes Theaterstück - so steht es geschrieben: Denn ist ein Menschenuntergang, sanft und sauber, nicht eine schöne Sache? Die Tiere regieren, nur Frau Gott und der Tod sind noch da, als eine Art Entertainment-Agentur fürs liebe Vieh. Ein bisschen "Mist" verzapfen, das ist noch drin, beispielsweise, auf Wunsch von Tapir und Reh, die ein wenig lustlose Hervorbringung eines ganz normalen Menschenlebens. "Helges Leben" also, mies und verpfuscht und doch irgendwie komisch.

Für die tierischen Auftraggeber taugt diese Musterbiografie gerade noch zum nicht allzu aufregenden Zeitvertreib. Für Gott und Tod bedeutet sie wieder einmal Rechenschaft über ein mit Ewigkeit belastetes berufliches Wirken. Aber auch dieser Versuch auf Honorarbasis (3000 Liter Ambrosia) geht schief. Mit den Menschen ist eben kein Staat zu machen. Tapir und Reh gehen ermüdet ins Bett - und alle singen ein Lied.

Mit dem Entsetzen ist durchaus Scherz zu treiben. Nur Sibylle Berg, Schweizer Autorin, lässt das Entsetzen einfach weg. Warum so viel Aufregung um den Menschen? Es geht sowieso alles schief. Liebe gibt es nicht, Zuneigung misslingt, einzig verlässlicher Partner ist die Angst. "Helges Angst" heißt deshalb die wichtigste Figur des Stücks. Und die Autorin verbündet sich mit Brecht: "Glotzt nicht so romantisch!" Sie schreibt auf, was wir ohnehin wissen oder eben fürchten, spitzt es zu, mit kabarettistischer Schärfe, und will doch auf einen Stoßseufzer hinaus - kann es wirklich so schlimm sein?

Im Studiotheater bat versuchte Regisseurin Christiane Neudecker, die beiläufige Präzision und den elektrisierenden Sprachwitz des "schönen Theaterstücks" komödiantisch hochzuladen. Sie lässt die Spieler rucken und zappeln, baut Lieder und Tänze ein und bringt ein albtraumhaft grusliges Märchen auf die Bühne. In einer weißen Plastikwelt mit großen runden Kissen und hochragenden Wänden gibt es den Pfad ins Leben und aus ihm heraus; ein kleineres Loch nimmt die Toten auf (Bühne und Kostüme: Bernhard Siegl). Oben agieren Tapir und Reh, zwei von Schauspielern geführte Stoffpuppen mit Charme und Temperament. Die Musik von Matthias Lewy hilft Christiane Neudecker, einen deftigen Spaß zu entfachen, sie arbeitet mit der Geschlechter-Irritation (Frau Gott / Herr Tod), treibt die Schauspieler ins Marionettenhafte. Das verdickt die Leichtfüßigkeit des Textes, beweist aber auch Geschick, über die Körperlichkeit der Schauspieler von der Menschheitsdämmerung zu erzählen.

Besonders fiel Boris Wagner als "Helges Angst" auf, ein Psychobeamter mit öliger Freundlichkeit und betulichem Eifer. Jens Mondalski gab seinem Helge das verzweifelt Unfertige zwischen Kriechen und plötzlichem Ausbruch. Sibylle Berg, die das Theater hasst (Selbstaussage) und deshalb Stücke schreibt, hatte einen ordentlichen Einstand in Berlin.

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