Kultur : Hell und schnell

Hartmut Krug

Liest man den Text von Jon Fosses Stück "Winter", denkt man: das muss unfreiwillig komisch oder fürchterlich bedeutungs- voll auf der Bühne klingen. Doch dann ist alles ganz anders, ganz beiläufig wunderbar. Heraus kommt reines Theaterglück in Zürich. Ein Mann und eine Frau treffen an einer Parkbank aufeinander. Er wirkt wie gepanzert in dunklem Wintermantel mit Schal und Handschuhen. Sie, leicht und hell bekleidet, kippelt auf unsicheren Beinen und hält sich zusammen, indem sie die Arme um ihren Oberkörper schlingt. Der Mann will weitergehen, die Frau aber redet auf ihn ein: "Du, du, -, ja du... ." Jedes "du" ein Argument, jedes "ja" eine Frage: Forschend, nicht forsch, so stammelt sich die Frau mit knappen Wörtern und kurzen Sätzen an den Mann und sich selbst heran.

Kommunikation ist hier eine Suchbewegung zur Selbstvergewisserung. Ein Mann trifft eine Frau, und sie wissen gar nichts oder doch viel voneinander: die alte Beziehungsgeschichte. Schon in Fosses Stück "Traum im Herbst", auch an der Berliner Schaubühne zu sehen, begegneten sich ein Mann und eine Frau wie zufällig, und ihr Treffen zwischen Fremd- und Vertrautheit geriet zu einem Rück- oder Vorblick in eine lange Ehe. Jon Fosse wird oft als Ibsen-Nachfolger missverstanden. Doch Ibsens psychologischer Realismusist Fosse fremd. Seine Figuren besitzen keine Geschichte(n), sondern erleben Beziehungen. In "Winter" zeigt er in Beckettscher Klarheit das auf die reinen Vorgänge reduzierte Beziehungsspiel.

Deshalb sind uns Fosses Figuren zugleich so, ja, unheimlich vertraut und behalten doch ihr Geheimnis. Es kann sein, dass sich die beiden zum ersten Mal treffen. Möglich ist aber auch, dass sie ihm folgte, als er aus ihrer gemeinsamen Wohnung stürzte. Der Mann könnte ein honetter Ehemann sein, sie seine Geliebte oder eine Nutte. Denn obwohl sie sich mehrfach drängend als seine Frau bezeichnet, ruft die wohl wirkliche Ehefrau an und es ist die Rede von seinen zwei Kindern, als sich Mann und Frau im Hotel treffen. Durch weitere Treffen geht dem Mann die Ehe kaputt, er verpasst einen beruflichen Termin und verliert seinen Job. Aber das wird vom Mann nur beiläufig erwähnt und nicht sonderlich beachtet. Denn Fosses Beziehungsspiel kennt keine sozial begründeten Lebensgeschichten.

Fosse zeigt die gewöhnliche Dramatik einer Beziehung im Sprachklang, Regisseur Jossi Wieler übersetzt ihn mit seinen Schauspielern zusätzlich in eine sublime Körpersprache. Bühnenbildnerin Anja Rabe hat in der kleinen Schiffbau-Box des Züricher Schauspiels vor eine gelbbraune Lamellenwand einen leeren Stadtraum aus Granulat-Platten mit Bodenlampen gebaut. Die Parkbank mit zwei Lehne an Lehne gewandten Sitzflächen verwandelt sich manchmal wie im Traum zum Doppelbett des Hotels. Hinter den sich zuweilen wie eine Jalousie zur Welt öffnenden Lamellen klingt surreales Großstadtrauschen, während Lichtreflexe wie von Nordlicht oder Leuchtreklame das Unwirkliche im Wirklichen betonen.

So liegt über der Inszenierung ein merkwürdiger Zauber. Im suchenden Hin und Her einer Beziehung zwischen zwei Menschen wird zugleich etwas verborgen wie vorgezeigt. Worte und Pausen, Stille und Ungesagtes, Blicke und Haltungen werden in Jossi Wielers Inszenierung zur zauberischen Choreographie einer Beziehung zwischen Distanz und Nähe zusammen komponiert. Je mehr der unbeholfene Mann sich öffnet, und diessen Vorgang zeigt der Schauspieler André Jung nicht nur an seiner Kleidung, sondern auch mit subtiler Körpersprache, umso fester, wenn auch nicht sicherer, wird die Frau. Sylvana Krappatsch übersetzt die erregt irritierte Grundhaltung ihrer Figur in eine furios selbstverständliche Künstlichkeit. Sie überspielt, wo André Jung eher unterspielt.

In "Winter" passiert "nichts Besonderes" oder "eigentlich Nichts", wie die Figuren selbst sagen. Doch zum Schluss, wenn die beiden in scheuer Hilflosigkeit auf dem Bett aufeinander liegen, wenn alles und nichts klar ist, haben wir viel von Menschen und von uns erfahren. "Alles ist so", sagt der Mann am Ende. Das ein Anfang sein kann. Diese Inszenierung ist ein unspektakuläres, aber sehr wirkliches kleines Theaterwunder.

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