Kultur : Helle oder Hölle?

Claudia Wahjudi

Hölle. Oder einfach nur helle? Unter dem doppeldeutigen Titel "hell" stellen 17 internationale Künstler Lichtarbeiten in der Galerie neugeriemschneider (Linienstraße 155, bis 23. Februar) aus. Für die Hölle aber ist es nicht warm genug. In der rechten Ecke stapeln sich weiß strahlende Neonröhren von John M. Armleder (34 700 Euro). Angela Bulloch hat drei Belisha Beacons, Blinklichter von Zebrastreifen, mit blauer Folie ausgekleidet, und diese senden nun, elektronisch gesteuert, kühles Licht aus (35 000 Euro). Ceal Floyer projiziert einen "Deutschen Lichtschalter" in Originalgröße auf die Wand (8000 Pfund), Heimo Zobernig lässt eine nackte Glühbirne in einem Pappkarton aufblitzen (3000 Euro).

Nicht um Fragen des Jenseits geht es, sondern um die Bedeutung von Licht als konstituierendes Element von Skulptur, Objekt und Installation. Wie nüchtern. Mit dieser Rationalität repräsentiert "hell" zum Galerienrundgang ganz gut die unaufgeregte Stimmung im Kunstviertel von Mitte. Die Zeit, in der das vierteljährliche Ereignis einer Partyhölle glich, ist vorbei. Es herrscht nonchalante Gelassenheit. Nach Jahren ungebrochenen Zuzugs von Künstlern und Galeristen lässt sich nicht mehr jeder Kunsttermin als Sensation feiern, hat sich die Szene differenziert. Zum einen örtlich: Da gibt es nun neben dem Zentrum August- und Linienstraße die Quartiere an Jannowitzbrücke und Zimmerstraße sowie neue Niederlassungen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Vor allem aber inhaltlich: Der Standort Mitte ist längst keine Garantie mehr auf Diskurs-Speerspitzen mit Hipnessfaktor. Comic und Klassische Moderne, gestische Malerei und Netzkunst, Preise von einem bis 100 000 Euro sind möglich. Das Kunstviertel präsentiert sich nunmehr so pluralistisch wie die Gesellschaft drumherum.

So verwundert es nicht, wenn jetzt in der Auguststraße 22 Porträts eines Künstlers des 19. Jahrhunderts zu sehen sind (bis Ende März). Die Galerie Berinson zeigt eine Serie von elf Aufnahmen, die der Fotograf Jacob Hilsdorf 1904 von Adolph Menzel machte. Es sind erschreckende Porträts. Sie stellen den Maler preußischen Lebens als einsamen, verbitterten Mann vor, der seinen Tod zu ahnen schien. Mal schiebt Menzel den Unterkiefer vor, mal schaut er misstrauisch aus den Augenwinkeln, dann sinkt er in sich zusammen. Sein Profil gleicht einer Totenmaske. Alle Aufnahmen entstammen einem Album und sind nur im Paket erhältlich (90 000 Euro).

Nur drei Straßenecken weiter zeigt Urs Fischer in der Galerie Contemporary Fine Arts (Sophienstraße 21, bis 16. Februar) Mischtechniken auf Holz: hier einen psychedelischen Baum, dort eine plakatgroße Aufnahme städtischen Ödlandes, die er blau gefärbt hat (18 000 Euro). Daneben: zwei echte Gänseeier, die fünf Schatten an die Wand werfen (1200 Euro), und ein Frauenakt aus Zuckerguss, der mit gespreitzten Beinen auf einem Tisch sitzt (16 000 Euro). Fischer spielt das Spiel um die Positionierung im Betrieb: Sogar die Machohaltung, die der 1973 geborene Künstler zur Schau stellt, ist nur smartes Zitat. Knapp hundert Jahre nach Menzels Porträtsitzung gibt es keine Verpflichtung auf Material und Gattung mehr - die Normalität, die in Mitte eingekehrt ist, macht Kunstgeschichte drastisch plastisch. Martin Eder überbrückt die Gräben zwischen Genres und Begriffen in einem Environment bei Eigen + Art (Auguststraße 26, bis 23. März). Vorn hängt eine Skulptur aus zerbrochenem, schwarz gefärbtem Styropor, hinten ein kleiner schwarzer Quader, dessen Volumen dem von Eders Körper entsprechen soll. Eder, studierter Grafiker und Bildhauer, inszeniert die Verwirrung um das Verhältnis von Gehalt und Oberfläche vor einer gewaltigen Kulisse: vor Wänden mit einem Bataille-Zitat in einer metergroßen, blutroten Schrift, die der Künstler Heavy-Metal-Publikationen entlehnt hat. Ein physischer Angriff ist das, den die Reihen schrill bunter Aquarelle mit halb sinnlichen, halb morbid verklecksten Frauenporträts noch steigern (je 800 Euro). High und Low, Kunst und Kitsch: Eders erste Einzelausstellung Eigen + Art ist ein begehbarer Splatterfilm. Fehlte nur noch der Sound, womöglich ein Crossover aus Gothic, Europop und Noise.

Schnitt. Stille. Maria Lindberg arbeitet mit Details. Mit einem Hauch von Orange, zarten Bleistiftlinien und mit Worten. Sie geben den C-Prints und Zeichnungen in der Galerie griedervonputtkamer verblüffende Drehs (1300-4500 Euro). Die Entscheidung aber, ob es lustig ist, wenn neben der winzigen belgischen Flagge "Made in China" steht, oder eher bedauerlich, weil China als Synonym für Billigproduktion gilt, überlässt sie dem Betrachter. Lindberg aktualisiert subversive Fluxus-Strategien und kombiniert sie mit den Konzepten von konzentrierter Ruhe eines James Lee Byars. Ein Rundgang wie früher, mit Partyhölle und allem Drum und Dran, wäre nichts für die Arbeiten der schwedischen Künstlerin. Allein das Perspektivrätsel im Foto-Dyptichon "At the same place at the same time" erfordert minutenlanges Knobeln. Doch heißt die Losung hier ohnehin: besser zweimal schauen (Sophienstraße 25, bis 2. März).

0 Kommentare

Neuester Kommentar