Kultur : Helle Stimme, schnelle Zunge

Felicitas Hoppe spielt mit Rittern, Pferden – und einer wundersamen Johanna von Orléans

Steffen Richter

Wahrlich, wir leben in nüchternen Zeiten. Weit und breit kein Ritter, kein Pferd und auch keine strahlende Jungfrau. Kaum einer hört mehr auf innere Stimmen und riskiert wirklich etwas. Und unsere Prosa, nun ja, sie schmiegt sich zuweilen arg den Verhältnissen an. „Knappenprosa“ würde Felicitas Hoppe das vermutlich nennen. Ihr Gegenteil heißt „Johanna“. „Johanna“ nämlich geht aufs Ganze. Wer bin ich und was will ich, fragt sie. Und weiter: Was nehme ich dafür in Kauf, und wie werde ich meiner Angst Herr?

Man könnte die Geschichte allerdings auch so erzählen: Als die Bauerntochter Johanna aus dem lothringischen Domrémy dreizehn Jahre alt ist, hört sie Stimmen. Die Heilige Katharina, der Erzengel Michael und die Heilige Margareta geben ihr ein, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin Karl zum König zu krönen. Drei Jahre später macht Johanna sich auf den Weg. Sie überzeugt Karl davon, ihr militärische Unterstützung zu gewähren, schlägt sich siegreich in der Schlacht von Orléans und leitet die Wende im Hundertjährigen Krieg ein. Anschließend krönt sie ihren König in Reims tatsächlich zu Karl VII. Das Vaterland also ist gerettet. Und es verdankt diese Rettung einem göttlichen Auftrag und dazu noch einer Frau. Wenn das kein Wunder ist.

Um dieses Wunder aus dem frühen 15. Jahrhundert geht es in Felicitas Hoppes „Johanna“. Denn um die historische Jehanne la Pucelle, Jeanne d’Arc oder die Jungfrau von Orléans geht es nur sehr vermittelt. Ihre Geschichte – die Gefangennahme nach Verrat, die Anklage wegen Ketzerei, Johannas Widerruf, der Widerruf des Widerrufs und ihr Tod auf dem Scheiterhaufen von Rouen im Jahr 1431– diese Geschichte ist der als bekannt vorausgesetzte Subtext. Er besteht aus den Prozessakten und einigen Regalmetern an Literatur, die der zentrale französische Nationalmythos gezeugt hat – beginnend mit einem Preisgedicht von Johannas Zeitgenossin Christine de Pisan, über Schiller, Mark Twain und George Bernard Shaw bis Brecht. Doch im Unterschied zu vielen anderen Adaptionen des Stoffes ist Johanna bei Hoppe weder Exemplum noch Sprachrohr – sei es der Nation, der Revolution, der Frauenemanzipation oder einer religiösen Idee. Felicitas Hoppe scheint sich in die Geschichte hineinzuwinden, gleichsam um eine Johanna von innen bittend.

Das Expeditionskorps, das sie für die Suche nach ihrer Johanna ausrüstet, ist ein märchenhaftes Dreigestirn: Der Professor, seines Zeichens habilitierter Krönungsexperte, will sich an die Fakten halten und ist bei der Suche eher hinderlich. Ein Doktor Peitsche faltet Mützen aus Papier und versieht sie mit Aufschriften, die mit den Absichten ihrer Träger zur Deckung kommen sollen – wie bei Johannas Mütze, die mit ihr verbrannte. Die Dritte im Bunde ist die Erzählerin, die vor ihrer akademischen Doktorprüfung beim Professor steht, sich aber doch als geeigneter fürs poetische Fach erweist. Bisweilen könnte sie Johanna selbst sein.

Wenn nicht die historische Johanna-Figur verhandelt wird, dann doch all das, was ihre Faszination ausmacht: ihr unbeugsamer Wille („ICH BLEIBE BEI GOTT UND BEI MEINER MEINUNG.“), ihr Umgang mit der Angst („Die Angst nimmt mich bei der Hand und führt mich. Wenn die Angst bei mir ist, habe ich keine Angst“) und wie es ihr, der Jungfrau in Männerkleidern, diesem „Gretchen in Waffen“, gelingt, über die Schwelle ihrer Träume zu treten hinein in die „haltlose Landschaft unserer Wünsche“. Kurz: all ihr Wunderbares. Felicitas Hoppe erprobt, wie man in unheroischen Zeiten von einer Heldin und unterm Signum moderner Entzauberung vom Mirakulösen erzählen kann. Denn das ist gegenwärtig eine defizitäre Kategorie und in einer hübsch kohärent erzählten Geschichte kaum zu haben.

Deswegen überlagern sich in Hoppes „Johanna“ historische und gegenwärtige Stimmen, traumhafte Assoziationen und wiederkehrende Motive. „Die Mahlzeit war einfach“, heißt es, sämtliche Register aufs abenteuerlichste vermengend, „aber nicht zu entziffern.“ Ebenso schwer zu entziffern und schließlich zu deuten ist mitunter Hoppes Sprache, „unser verlässlicher Aberglauben, das altbewährte Zeichensystem“. Selbst die Erzählerin und Peitsche, beschäftigt mit dem Dechiffrieren der Johanna-Geschichte, gestehen sich ein: „Wir würden uns gern zu Hilfe kommen, aber gemeinsam sind wir nur doppelt verwirrt.“

Immer wieder werden Mützen gefaltet, Nüsse geknackt, Blicke in schlecht beleuchtete Nebenzimmer geworfen. Das Bild der Seine, in die man Johannas Asche streut, weitet sich zu dem des Schwimmens, Tauchens und Angelns. Fast scheint es, Felicitas Hoppe habe sich nur begrenztes Erzählmaterial zugestanden, um aller Ausschweifung vorzubauen und ihren Text mit formaler Strenge zu schlagen.

„Ohne Gott auch kein Gegner“, spricht Hoppe uns vor, „die Wut geht ins Leere“. Ohne Grenze und Beschränkung, kann man übersetzen, auch keine Form für Wunder. Johanna aber reibt sich. An Gott, dem König, der Heiligen Inquisition, den Engländern und ihren eigenen Wünschen. Deswegen dürfen Ritter bei Hoppe wieder reiten und Jungfrauen Schwerter schwingen. Und es kann von einer Johanna erzählt werden, die – „helle Stimme, schnelle Zunge, schlagende Rede“ – in jedem Zeitalter zu Hause sein könnte und doch in keines passen will.

Felicitas Hoppe:

Johanna.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.

174 S., 17,90 €.

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