Heller-Film im Berliner Ensemble : Witz trifft Genie: Schmidt und Voss am Gardasee

"Scheitern, scheitern, besser scheitern": André Heller lässt in einem Film Harald Schmidt und Gert Voss miteinander übers Theater reden.

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Stockbetten statt Grand Hotel: Gert Voss und Harald Schmidt.
Stockbetten statt Grand Hotel: Gert Voss und Harald Schmidt.Foto: ORF

Am Anfang und am Ende gehen Harald Schmidt und Gert Voss ein wenig durch die stillen Tropen des Botanischen Gartens von André Heller in Gardone am Gardasee. Das ist, mit Klaviermusik unterlegt, die einzige Ab- und Ausschweifung, die sich das triumphale Entertainer-Schauspielerduo hier gönnt. Die übrigen 80 Minuten des neuen Heller-Films mit dem aus Samuel Becketts „Endspiel“ entlehnten Titel „Scheitern, scheitern, besser scheitern!“ sitzen die beiden Protagonisten nur bei je einem Glas Wasser an einem blanken Holztisch in André Hellers Villa am Rande des großen Gartens. Und reden übers Theater.

Es ist auf den ersten Blick ein fast puritanisches Unterfangen. Und nach einer umjubelten Premiere im Wiener Burgtheater ist dieses schöne „Scheitern“ am Donnerstagabend nun als Leinwandvorstellung im Berliner Ensemble zu besichtigen. Der in Wien, am Gardasee, in Marokko und in aller Welt lebende Inspirator und Impresario A. H. ist ein erklärter Voss-Fan. Wie auch Harald Schmidt, der Gert Voss schon als Schauspielschüler in den späten siebziger Jahren in Stuttgart bewunderte und beim Vorsprechen imitierte.

Das erzählt Schmidt in einer witzigen Episode des „Scheitern“-Films, der nichts weiter macht, als einige Highlights aus einem Gespräch zu dokumentieren, zu dem Heller die beiden im August 2010 zwei Tage (mit zwei Kameras) zu sich an den Gardasee eingeladen hatte. Der 53-jährige Fernsehstar befragt den im Oktober 70 werdenden Theaterkünstler, wie das so war und ist: von den Anfängen bis zum Schauspielruhm und der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Claus Peymann, Peter Zadek, George Tabori, Peter Stein und zuletzt dem jetzigen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann.

Was filmisch so pur und fast ein wenig steif beginnt, wird sehr schnell zu einer hochvergnüglichen Lehrstunde über die Spiele, Tricks, Intrigen und dann auch immer wieder die großen, magischen Momente vor und hinter den Kulissen. Es ist hochintelligenter Klatsch, der den Zuschauer amüsiert. Doch immer wieder macht Gert Voss auch klar, dass der wahre Akteur ein Stück Existenz aufs Spiel setzt und Kunst und Moral sich auf schwer ergründliche Weise berühren. Besonders einleuchtend, wenn Voss seine Skrupel beschreibt, mit denen er am Burgtheater bei Zadek zu seiner Version von Shakespeares Shylock fand. Am Ende ließ Voss alle äußeren Anspielungen auf Shylocks Judentum beiseite und spielte einen coolen Banker nach dem Vorbild von Michael Douglas im „Wallstreet“-Film. Damit erfand er den Shylock im Wechsel zwischen Assimilation und Tradition noch einmal wie neu – ohne am Text eine Zeile zu ändern. Das ist die Kunst, die heute den poetisch, psychologisch und politisch so unverbindlichen Dekonstruktionen vieler jüngerer Regisseure fehlt.

Aber von irgendeiner aktuellen „Theaterkrise“ ist in dem gefilmten Gespräch nicht die Rede. Selbst das „Scheitern“, das für Beckett und George Tabori zur menschlich-künstlerischen Grunderfahrung gehörte, endet mindestens in der Tragikomödie. Für Kenner, Liebhaber oder schlicht Neugierige wirkt es allemal schlagend, wie bei Voss aus Beiläufigkeiten kleine Theatersketche werden: wenn er bei Peymann in einem Bernhard-Stück tagelang einen schlafenden Papagei probt; wenn er beim Gastspiel einer Peter-Stein-Inszenierung in Edinburgh mit Thomas Holtzmann, Martin Benrath und Kurt Meisel in einer Art Jugendherberge in Stockbetten schläft, während Stein im Grand Hotel logiert. Aber die Schnurre verbindet sich mit einer frappierenden Analyse des Kopfmenschen Stein, der seinem Star bei der Probe freimütig sagt: „Was bei der Figur unter der Gürtellinie liegt, das musst du dir von Zadek holen!“

Natürlich reizt so was auch den geduldigen Zuhörer Harald Schmidt. Mit seinem Haifischlächeln öffnet er den eigenen Anekdotenkoffer. Schmidt respektiert den Kontrollfreak Peymann, demontiert den Karrieristen Matthias Hartmann und erzählt, wie er es heute Jürgen Flimm heimzahlt, dass der ihn als Jungschauspieler bei einer Bewerbung ohne Antwort abblitzen ließ.


Filmpremiere heute, 20. 1., um 20 Uhr 30 im Berliner Ensemble.

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