Kultur : Heller wohnen

Michael Zajonz

Wer die letzten Strahlen der Herbstsonne zu einer Rast im großzügigen Hof des neuen Wiener Museumsquartiers nutzt, beobachtet eine überraschende Zweiteilung des Publikumsstroms. Gut betuchte Herrschaften scheint es magisch zum gleißend hellen Schrein der Sammlung Leopold und seinem Zentralgestirn Egon Schiele zu ziehen, während dem anthrazitgrauen Kubus des Museums moderner Kunst eine deutlich jüngere und buntere Klientel zueilt.

Sollte sich diese ganz unwienerische Schwarz-Weiß-Malerei dauerhaft bestätigen, dann liegt das Architekturzentrum Wien wohl auf der richtigen Seite des in die barocken Hofstallungen Fischer von Erlachs gewuchteten Museumsquartiers. Vor neun Jahren vom umtriebigen Architekturhistoriker Dietmar Steiner als Forum für Architektur und Städtebau der Moderne gegründet, hat das mit 17 festen Mitarbeitern und über drei Millionen Mark Jahresetat erwachsen gewordene "AzW" seinen endgültigen Platz hinter der Kunsthalle und dem Museum moderner Kunst besetzt. Hunderte von Kollegen und Freunden waren angereist, um Steiners nun auch räumlich voll funktionsfähiges Labor aktueller Trends und übergreifender Fragestellungen in der Liga führender Architekturinstitute zu begrüßen. In Berlin quält man sich derweil mit der Idee des Wiederaufbaus der Bauakademie für ein Architekturmuseum.

Provozieren will die Eröffnungsausstellung: "Sturm der Ruhe. What is architecture?" Denn der Drang, erklären zu wollen, was Architektur denn nun wirklich sei, nimmt bei angehenden Professionals spätestens nach dem Vordiplom deutlich ab. Die Antwort, die man hier wagt, ist verführerisch einfach: Die soziale Kunst des Bauens wird erst durch Körpererfahrung zum Bestandteil des privaten Lebens. Architektur kann demnach alles sein, was durch Raumbezug unsere Sinne anspricht - von den Baumhütten der Kindheit bis zum edel schimmernden Solitär des neuen Kunstmuseums in Vaduz.

Ob als reiner Lustgewinn oder als Obsession: Nutzbarkeit ergibt sich eher zufällig jenseits wohlfeiler Prognosen; Funktionalität erscheint ohnedies als eine von den Bau- und Zuchtmeistern der Moderne missbrauchte Kategorie. Der Absage an den Architekten als Schöpfer entspricht die Form der Präsentation. Das Wiener Duo "Eichinger oder Knechtl" tauchte die gewölbte Ausstellungshalle rundum in explosives Orangerot.

Eine Art visuelle Wohlfühlmassage soll intellektuelle Verspannungen des architektonisch Vorgebildeten lösen, damit aus museal-papierener Baukunst der zeitgeistige Erlebnisfaktor "architecture" werden kann. Nichts erklärt sich; alles will unmittelbar durch Färbung, Textur und Aroma überwältigen. Statt abstrakter Planzeichnungen und den sattsam bekannten Hochglanzfotos der Architekturmagazine sind Materialproben - ein harzig duftender Stapel Tannenbretter wird zur sinnlichen Attacke - wie Installationen arrangiert. Gewollt amateurhafte Schnappschüsse und Videos verlegen sich auf das Abbilden frei flottierender Stimmungsfetzen.

Zusammen assoziieren, was nicht zusammen gehört - so ließe sich das Problem der Schau umschreiben. Denn trotz revolutionärer Attitüde wird mit solchen Projektbeispielen argumentiert, die man auch bei einer konventionellen Thesenausstellung zur zeitgenössischen Reduktionsästhetik erwartet hätte. Schade, dass am Ende wohl der Mut fehlte, auf marktgängige Namen der internationalen Architekturszene, wie Herzog & de Meuron, Dominique Perrault oder Diener & Diener, zu verzichten. Zwischen zufälligen Bretterbuden, den selbstironisch gereihten Wanderschuhen Thomas Bernhards und der ausgefeilten Askese des neuen Londoner Museums Tate Modern liegen unüberwindliche Grenzen - für das Kalkül des Kopfes genauso wie für das Gefühl des Körpers.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben