Kultur : Hellmuth Karasek im Gespräch: Hassen Sie Kritiker?

Sie werden das Fernsehen vermissen.

Hellmuth Karasek (67), 1934 in Brünn geboren und in Wien und Bernburg aufgewachsen, begann nach der Promotion zum Dr. phil seine journalistische Laufbahn 1960 bei der "Stuttgarter Zeitung". 1968 wechselte er als Theaterredakteur zur "Zeit", bevor er 1974 als verantwortlicher Redakteur ins Kulturressort des "Spiegel" ging. Seit 1991 war er dort als "Spiegel"-Autor unter Vertrag. Seit 1997 ist er Mitherausgeber des Tagesspiegels. Dem Fernsehpublikum wurde er als Mitstreiter des "Literarischen Quartetts" (seit 1989) bekannt. Er veröffentlichte zahlreiche Sachbücher, darunter "Billy Wilder. Eine Nahaufnahme". Unter dem Namen Daniel Doppler gab er 1985 mit der Boulevardkomödie "Die Wachtel" sein Debüt als Dramatiker; es folgten "Hitchcock" (UA 1988) und "Innere Sicherheit" (UA 1990). 1998 veröffentlichte er seinen ersten Roman, "Das Magazin". Sein neuer Roman "Betrug" ist bei Ullstein Berlin Quadriga erschienen (304 Seiten, 38,92 DM). Als klar war, das "Quartett" geht zu Ende, hat Marcel Reich-Ranicki gefragt, ob das schlimm für mich ist. Er ist ja sehr fürsorglich. Ich habe ihm geantwortet: "Mach dir um mich keine Sorgen, ich verstehe das völlig." Im Hinterkopf habe ich auch Erleichterung gespürt, denn ich kann mich jetzt aufs Schreiben konzentrieren. Ich muss ja nicht mehr so viele Bücher lesen. Obgleich ich mich freiwillig nie vom "Quartett" verabschiedet hätte, so einen Knochen gibst du einfach nicht her.

Sie werden das Fernsehen vermissen.

Ich glaube, wenn du alt wirst, hast du nur einen Trost auf Dauer: das Schreiben.

Sie wollten immer schon Romane schreiben?

Weiß ich gar nicht. Ich habe ja einige andere Bücher geschrieben, über Max Frisch, über Bertolt Brecht, den Dramatiker Carl Sternheim, "Das Drama der Bundesrepublik"... Irgendwann haben sie bei meinem alten Verlag gesagt, jetzt haben wir in diesem Jahr gar keinen Karasek, ob ich nicht etwas Kleines zwischendurch machen wolle. Also habe ich "Hand in Handy" geschrieben. Eines Tages kam ein bekannter Literaturkritiker aus Hamburg zu mir, er hatte das Handy-Buch gerade gelesen und sagte: Du kannst ja erzählen, das sind ganz tolle Liebesgeschichten! So fing es an.

Wenn Sigrid Löffler, Ihre ehemalige Mitstreiterin beim "Quartett", nun einen Roman schreiben würde...

hätte ich damit kein Problem. Ich habe früher ein ähnliches Vorurteil gehabt, mit Fritz J. Raddatz, dem "Zeit"-Kritiker, der plötzlich einen Roman veröffentlichte. Der war eine ähnlich schillernde Figur, wie ich es heute bin. Da dachte ich vorher, na, jetzt wollen wir doch mal sehen. Dann war es aber ein gutes Buch! In Frankreich, wo man Raddatz als Kritiker nicht kennt, ist es ein richtiger Bestseller geworden.

In Ihrem neuen Roman "Betrug" wird ein Autor von seiner wohlhabenden Frau ausgehalten und sucht seine Bestätigung, in dem er eine Affäre mit der jungen Frau seines Tennispartners beginnt.

Ich wollte eine Geschichte erzählen über unsere Zeit. Wir leben in einer Gesellschaft, in der du alles darfst und alles bekommst, und alles wird dir nachgesehen - wenn du nicht gerade Pastor oder Politiker bist. In der Einladung zum Abendessen steht "mit Begleitung", und wenn du deinen Lieblingspudel mitbringst, sagt man nur, das ist halt so, der Herr Karasek mit seinem Pudel, warum nicht. Wenn alles erlaubt ist, freuen sich die Leute nicht mehr, oh, ist das schön zu essen. Sie fragen sich nur, wie bleibe ich schlank und fresse doch wie Scheunendrescher.

Sie kommen gerade von einer Kur...

Ich bin schon ein ziemlich getriebener Teil dieser Gesellschaft. Das hat mal ein Kollege von der "FAZ" gut beobachtet. Ich hatte nach Erscheinen meines ersten Romans "Das Magazin" vor drei Jahren eine Lesung in Ludwigsburg, jemand rief an und sagte, morgen erscheint in der "FAZ" eine Kritik über dein Buch. Und ich hatte fast nur Verrisse bekommen bis dahin...

im "Spiegel", im "Focus", in der "Süddeutschen Zeitung"...

das Porträt von Roger Willemsen im "SZ-Magazin" hat mir besonders geschadet. Der hatte das Buch gar nicht gelesen, aber er hat den Ton für andere Kritiker gesetzt. In diesem Moment in Ludwigsburg, ich kam gerade von einer Veranstaltung, habe ich nur gedacht: Oh Gott oh Gott, morgen auch noch die "FAZ". Ich hatte ganz kurz den pathetischen Gedanken, jetzt ein Verriss, und du bringst dich um. Ich hätte es nicht gemacht, seien Sie versichert, aber in einer überhitzten Nacht wie dieser...

Sie haben wenig geschlafen.

Und dann las ich den Artikel von Dirk Schümer und fand ihn wahnsinnig positiv. Der setzte sich mit den Leuten auseinander, die in Hamburg auf der Buchpremiere gewesen waren. Die hatten keine Zeile gelesen, und wussten doch alle, dass der Roman nix ist. Schümers letzte Sätze habe ich nicht vergessen: "Seine Storys...wirken wie das Dokument einer tieftraurigen Weisheit. Gelebt freilich hat der Autor nicht danach."

Der Kritiker hatte Sie durchschaut?

Ich denke schon, ja. Ich kann diesen Wahnsinn nur erzählerisch bewältigen, daher das neue Buch.

Und das nach den Verrissen des ersten Romans! Ein großer Teil des Literaturbetriebs hat Sie damals in die Ecke gestellt.

Das hat schon sehr weh getan, diese Ablehnung. Ich habe etwas Unangenehmes erleben müssen, dass Freunde, von denen ich gedacht hatte, sie schreiben wenigstens ein paar Zeilen, sich nicht gemeldet haben. Aber die menschliche Natur verfügt über einen wahnsinnigen Apparat von Schutzmechanismen. Wenn man verunglückt, spürt man keinen Schmerz, weil der Schmerz vom Körper betäubt wird. Das funktioniert auch psychisch. Nach der Salzburger Premiere der "Fledermaus" hat es für Mortier...

den scheidenden Festspiel-Intendanten...

Verrisse gehagelt. Und wie reagiert er? Erzählt von einem Zuschauer, der ihm nach der Premiere gesagt hat: "Sie gehören ins Gefängnis." Ein solches Glück auf Mortiers Gesicht habe ich noch nicht gesehen.

Wie haben Sie sich geschützt?

Ich freue mich bis heute über einen Brief des Autors Peter Turrini, in dem nur ein Satz stand: Willkommen zum Wechsel auf die andere Seite.

Wie erklären Sie sich eigentlich den Hass auf Sie, etwa von Kritikern wie Wiglaf Droste von der "taz"?

Ich glaube, die Generation nach Droste ist besser für mich, weil die sich nicht mehr an mir abarbeiten müssen. Ich kenne diesen Reflex von mir selbst. Bei der Gruppe 47...

dem Treffen von deutschsprachigen Schriftstellern und Kritikern...

wurde Robert Neumann immer von uns kritisiert. Die jüngeren Kritiker mochten ihn, nur meine Generation wollte ihn nicht: Der Altersabstand war zu gering. Und jeder Mensch hat etwas Abscheuliches, womit du immer begründen kannst, warum du ihn nicht leiden kannst.

Bei Ihnen heißt es eben: der Paris-Bar-Karasek.

Ich habe ja nichts gegen die Paris-Bar. Neulich wollte ich eigentlich gar nicht hingehen, aber dann wurde es doch ein sehr netter Abend.

Und Sie haben kein Problem mit diesem Image?

Ich bin eine furchtbare Konstruktion, ich bin mein ganzes Leben lang schon vom schlechten Gewissen gepeinigt. Wenn ich mal eine Nacht über die Stränge schlage und sehr toll feiere, dann muss ich in den Tagen darauf ungeheuer produktiv sein. Ich würde mir sonst so nichtig vorkommen. Ich verstehe auch nicht, dass ich meine Kinder um halb elf aus dem Bett werfen muss und ihnen sage: Ihr stehlt dem Herrgott den Tag! Dann sagen sie: Aber Papa, wir haben Ferien. Und ich antworte, mein Vater hat mich auch immer rausgeschmissen, und ihr werdet sehen, ihr seid todunglücklich, wenn ihr bis elf schlaft.

Das schlechte Gewissen ist also Ihre Motivation.

In meinem Alter kommt etwas anderes dazu: Du willst wissen, ob du noch wie früher bis vierzig die Luft anhalten kannst. Kannst du den Artikel noch schreiben, oder zerfällt dein Gehirn schon?

Geld motiviert Sie nicht?

Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn man sagen kann, ich würde gerne morgen drei Tage Urlaub in Baden-Baden machen, und dann mache ich das. Und als Jürgen Flimm meiner Tochter ein Praktikum angeboten hat, wenn er in London eine Oper inszeniert, habe ich sagen können: Laura, das ist wichtig für dich, mach das. Auch wenn London sehr teuer ist, wir zahlen dir die Wohnung.

Herr Karasek, Sie haben einmal erzählt, manchmal glauben Sie, dass Sie den falschen Beruf gewählt haben.

Das stimmt. Die Glücksmomente in meinem Berufsleben erlebe ich nicht beim Fernsehen, nicht als Kritiker. Ich erlebe sie bei Lesungen. Auf diesen Reisen kannst du die Nacht nicht schlafen, weil ein D-Zug an deinem Hotelfenster vorbeifährt. Dann hat dein Zug zur nächsten Stadt Verspätung, du schwitzt, weil du denkst, du kommst zu spät. Das alles ist furchtbar. Aber der Moment der Lesung ist unbezahlbar. Wenn die Leute dich für eine Zeit lang wirklich mögen.

Und mit einem solchen Liebesbedürfnis wird einer Kritiker?

Ich bin damals auch aus finanziellen Gründen zum "Spiegel" gegangen, keine Frage.

Als Kritiker: In welchen Fällen haben Sie sich getäuscht?

Ich habe grundsätzlich Romane eher über- als unterschätzt. Ich jubelte - und nach einigen Jahren merkte man, der Stoff hat sich nicht gehalten, das Haltbarkeitsdatum war abgelaufen. Naja, den Grass habe ich eigentlich immer verrissen, bis auf die "Blechtrommel" und "Katz und Maus", und zwar im Ton sehr harsch.

Müssen Sie sich heute bei jemandem entschuldigen für einen Verriss?

Entschuldigen?

Bei einem Opfer.

Vielleicht. Aber die richtigen Opfer fallen einem wahrscheinlich gar nicht mehr ein, die hat man verdrängt.

Sie sind nie bedroht worden? Peter Handke hat einen Kritiker immerhin einmal geohrfeigt.

Handke ist für mich eine Riesenenttäuschung, schrecklich. Früher hätte er mich vielleicht geohrfeigt, wenn wir uns begegnet wären, ja. Heute sind wir beide dafür zu alt.

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