Kultur : Hellmuth Karasek über Tolstois Meisterwerk

Aus der Weltspiegel-Rubrik "Vorgelesen".

Es ist die am schönsten geschriebene Liebesbegegnung, die ich kenne: der Ball, auf dem sich Anna Karenina und Graf Vronskij nicht mehr aus den Augen und nicht mehr aus den Armen lassen. Wunderbar ist, dass wir diese Liebe im Spiegel erleben, über die Bande gespielt, würde man im Billard sagen: Wir sehen sie mit den großen, sich mit wachsendem Entsetzen füllenden Augen Kittys, die sieht, wie ihr künftiger Verlobter sich an Anna verliert, sie vergisst - schöner, weil indirekter geht es nicht. Überhaupt hat Tolstoi seinen "Ehebrecherin"-Roman wie einen Film geschrieben, als es den Film noch nicht gab: Der Ball, das Pferderennen, bei dem Vronskij stürzt, Annas Freitod schließlich, als sie sich in klirrender Winterkälte vor den Zug wirft - das alles schreit förmlich nach Verfilmung und ist daher auch oft genug verfilmt und damit verzuckert und verflacht worden - auf hinreißende Weise.

Anders als der andere große Roman einer Ehebrecherin, die 20 Jahre früher erschienene "Madame Bovary" Gustave Flauberts (der sich gegen seine Verfilmung sperrt) hat Tolstoi sein Meisterwerk in moralischer Absicht geschrieben: "für die Familie". Anders als Flaubert unterscheidet Tolstoi bei seinen Figuren zwischen Gut und Böse. Aber seine Nichtsnutze, seine Trieb-Getriebenen, seine gewissenlos Leidenschaftlichen sind dank Tolstois erzählerischer Größe und Wahrhaftigkeit im Grunde interessanter und damit fast auch liebenswürdiger und liebenswerter als der Edelmensch Levin mit seinem tätigen Hang und Drang zum einfachen (Familien-)Leben. Alle aber überstrahlt die wie eine heftig flackernde "Kerze" verbrennende Anna, von deren unbedingter Liebe Tolstoi weiß, dass sie in dieser Welt nicht auszuhalten ist.Aus der Weltspiegel-Rubrik "Vorgelesen".

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