Kultur : Helmut Brandt: Er war die weiße Jazz-Moderne...

Michael Naura

Musik, det war sein Leben. Und sonst janüscht. Jawoll! Ein Noten-Freak, ein Klang-Jäger war er. Wenn er "ick" sagte, klang das schon nach Partitur. Schade, dass das irre Werfen von Noten auf Papier ihn so besetzt und auf Trab hielt. Sein meisterliches Baritonsaxophon-Spiel, seine "Kanne" kam zu kurz.

Erinnern wir uns: Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland ein Entwicklungs-Ländchen in Sachen Jazz. Der Nazi-Gestank à la "Armstrong ist Nigger-Dreck" lag noch in den Straßen von Berlin. Doch dann rafften wir uns auf. In Frankfurt am Main erhob sich der Posaunist Albert Mangelsdorff und stieß ins Horn. Damals entlehnte er dem Cool-Jazz seine Töne. Und wir Berliner? Da war Johannes Rediske, der Gitarrist mit seinem Quintett, der George Shearing kopierte. Da gab es das Quartett meiner Merkwürdigkeit. Wir pausten Brubeck ab. Und da war Helmut Bandt, Jahrgang 1931.

Ein Berliner mit Schnauze und Talent. Als Knabe Geigenunterricht. Mit neun ab in den Berliner Dom-Chor. Studium der Gitarre und des Saxophons. Im Januar 1954 debütierte er mit seinem Quintett. Ich erlebte ihn in der "Badewanne", einer Kellerbar in der Nürnberger Straße. Eine Höhle für Jazz und Liebe. Hier verkehrten Offiziere und Soldaten der US-Army auf ihrer Suche nach "Love For Sale". Und die deutschen Frolleins dufteten nach 4711 und schmiegten sich tanzend und hoffend an die Sieger. Auf der Bühne das Quintett von Helmut Brandt mit Baritonsax, Trompete, Piano, Bass und Schlagzeug. Eng gesetzter, sehr kompakter Sound. Klang wie ein Bastard aus Gerry Mulligan und Stan Kenton. Für die damalige Zeit, als die Trümmer noch rauchten und Brot eine himmlische Delikatesse war, eine frische, intelligente Musik. Dagegen ist Techno schwachsinnig. Brandts Combo-Jazz der ersten Stunde verriet die Leidenschaft des Bandleaders für komplexes Arrangement. Dieser Lust konnte er sich ganz widmen, als er, das ehemalige Mitglied der Kurt Widman Bigband ("Hey ba-be-re-bop"), 1959 Anker im RIAS-Tanzorchester warf. Seine oft delikat-diffizilen Orchester-Werke, die den Atem von Gil Evans und Bob Graettinger spüren ließen, waren für die Nachkriegszeit im Post-Hitler-Deutschland von erschreckender Modernität.

Brandt war ein "Partitur-Tier". Er schrieb unaufhörlich. Später kamen Jobs für Hildegard Knef und Till Brönner hinzu. Aber auch seine Kommerz-Arbeiten wurden mit Anstand erledigt, als würden ihm seine Vorbilder Stan Getz, Lee Konitz, Paul Desmond und der große "Gerry" über die Schulter schauen. Es war die weiße Jazz-Moderne, die er verehrte. Die schrillen Rasereien des Bebop blieben ihm fremd. Helmut Brandt starb am Donnerstag im Alter von 71 Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben