Helmut Kohl forever : Tot, aber unsterblich

Martin Walser verspürt das Bedürfnis, Kohl weiter leben zu lassen. Tatsächlich wird Kohls Erbe Deutschland noch lange beschäftigen.

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Helmut Kohl 1991, mit Angela Merkel, damals Frauenministerin
Helmut Kohl 1991, mit Angela Merkel, damals FrauenministerinFoto: Michael Jung/dpa

Zumindest ein Schriftsteller hat noch einen ordentlich würdigenden Nachruf auf Helmut Kohl geschrieben: Martin Walser, auch so ein Ewiger, einer aus der Kohl-Generation, im aktuellen „Spiegel“. Dieser Nachruf ist mehr als nur würdigend, er ist eine einzige Zustimmung, eine einzige Zugewandtheit, ein einziges Liebessingen, eine einzige Verschönerung, so wie man das vom späten Walser inzwischen gewohnt ist. Eine „Kohliade“, so nennt er das selbst. Und da steht gleich zu Beginn ein Satz, der jetzt wieder einmal die Generation Golf oder Generation X (oder wie immer die unter dem ewigen Kohl aufgewachsene, politisch zu kurz gekommene oder an Politik nicht interessierte Generation genannt werden mag) schwer ins Grübeln bringt: „Jetzt sei er, so heißt es, gestorben“, so Walser, gezielt den Konjunktiv einsetzend, was er da eben so gehört und gelesen habe. Weshalb er nun das „Bedürfnis“ verspüre, ihn, Kohl „leben zu lassen“.

Nein, ahnen die Golfer und Xler jetzt unheilvoll, Kohl kann gar nicht sterben, darf nicht sterben. Er ist immer da, er gehört quasi zur DNA dieser Kohl-Kinder- Generation. In den sechzehn Jahren seiner Regentschaft war das so, genau wie in den Jahren danach, trotz Parteispendenaffäre und des sich anschließenden ultimativen Daseins Kohls im politischen Abseits: der Suizid von Hannelore, der Streit mit den Söhnen, mit Walter und Peter, die neue Frau, Maike, die er dann noch ehelichte, was eine Versöhnung mit den Söhnen noch unmöglicher machte. Schließlich die Bücher, die über all das geschrieben und aufmerksamst rezipiert worden sind, alles Familienaufstellungen. von Walters „Leben oder gelebt werden“ bis hin zu Heribert Schwans „Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl“. Nicht zu reden von den schwergewichtigen mehrteiligen Erinnerungsbüchern von Kohl selbst. Und schließlich die von dem abtrünnigen Schwan und Tilman Jens gegen seinen Willen veröffentlichten „Kohl-Protokolle“, für die Kohl kürzlich vom Landgericht Köln einen Schadenersatz von einer Million Euro zugesprochen bekam.

Ob Maike Kohl-Richter schon einen Buchvertrag hat?

Und jetzt, da es heißt, er sei gestorben? Streit um die Trauer- und Totenfeiern, wegen des Staatsaktes, zwischen Walter und Maike, die ihn und seine Kinder angeblich nicht in den Oggersheimer Bungalow zum Toten gelassen hat. Ganz Deutschland ist mit dabei. Und dann noch der gewissermaßen unglamourösere, nicht so spektakuläre Zwist um Kohls politischen Nachlass, um die über 400 Aktenordner, die im Keller des Bungalows lagern und von Maike gehütet werden. Man mag da kaum glauben, dass es eine Helmut-Kohl-Ruhe geben wird nach Trauerfeier, Begräbnis und Staatsakt – und man braucht kein Prophet zu sein, um zu sehen, dass sicher noch das eine oder andere Kohl-Buch geschrieben wird, nicht zuletzt von Maike, der irgendwann ein Verlag schon ein hübsches Sümmchen bieten wird für wahlweise „Mein Leben an der Seite Helmut Kohls“ oder „Helmut Kohl: Seine letzten Jahre“.

Wie schreibt es Walser in seiner Nachruf-„Verklärung“, nachdem er sich des Konjunktivs doch entledigt hat und Kohls Ableben „spürt“ und akzeptiert: „Und wie er jetzt tot ist, das macht ihn unsterblich“. Ach herrje! Mit einem anderen Ewigen (Neil Young!) mag man wenigstens Martin Walser nach solchen Sätzen zurufen: „Long May You Run.“

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