Kultur : Helmut Kohl im Lande Popo

INGRID SEIDENFADEN

Spaßkultur pur: Andreas Kriegenburg zeigt "Leonce und Lena" am Bayerischen StaatsschauspielVON INGRID SEIDENFADENKönig Peters Reich Popo ist ein langes Geviert aus kunstvoll dressiertem weichem Rasen, eingezäunt sogar mit Spalier.Darüber wölbt sich der schönste mattblaue Seidenhimmel (Bühne: Rober Ebeling).Spielplatz für eine luxuriöse Spaßgesellschaft, die sich hier, leicht verblödet und durchaus zu Gemeinheiten fähig, in phänomenalen Nichtigkeiten ergeht.Sich aus schierer Langeweile-Beschäftigung in den Tiefen des philosophischen Nonsense verbohrt.Und das mit kichernder Ernsthaftigkeit.Prinz Leonce nervt den Haushofmeister mit dem Ratespiel.Wie viele der Sandkörner, die er aus der hohlen Hand in die Luft schleudert, werden sich wohl auf dem Handrücken einfinden? Erfolgsregisseur Andreas Kriegenburg, am heutigen Mittwoch beim Berliner Theatertreffen mit Ibsens "Volksfeind" zu Gast, hat sich an die scheinbar leichte Übung gemacht, am Bayerischen Staatsschauspiel Büchners "Leonce und Lena" zu inszenieren - und das Publikum lacht sich voll Wonne durch den ersten Akt.Vorsicht aber! So wie Büchner die ausgebluteten Duodez-Mächtigen mit kritischer Ironie und todeslüsterner Melancholie angeht, führt uns der Regisseur aus dem Osten unsere eigene, ruhelose Event-Gesellschaft vor.Er tut das mit überbordenden Einfällen, mit Slapsticks bis an die Albernheitsgrenze, die wohl immer der großen szenischen Form gehorchen, es aber zuweilen schwer machen, den Subtext zu erkennen.Eigentlich zeigt er uns lebendige Leichname, vom Zufall gesteuerte Automaten-Wesen (so Büchners berühmtes Gleichnis), längst bevor Prinz Leonce und Prinzessin Lena, in eben solchen Masken geflohen vor der kalten Königshochzeit, getraut werden.Bei der Maskerade setzt Kriegenburg zeitgemäß noch eins drauf: Leonce ist im Ballkleid zur Dame travestiert, Lena hat die Hosen an."Nun regiert mal schön", ruft Vater Peter den beiden in die Zukunft voraus, in der Arbeit unter Strafe stehen wird.Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, daß die graziös verspielte, von sanfter Musik (Kinderlieder, Sehnsuchtsklänge, Schumann) umklungene Inszenierung unser im Luxustaumel sich selbstgenügsam verzehrendes Kohl-Land Marke Popo porträtiert.Vom Euro plappern die Hofschranzen und von Nußecken.Kriegenburg ist kein texttreuer Partiturregisseur, doch seine Einfälle kommen leichthin, nerven nicht.Er darf sich auf die romantische Ironie und Büchners Sarkasmus berufen.Ihm ist mehr an dem ins Groteske travestierten Gesellschaftsbild als an der Geschichte der Königskinder gelegen.So ist Valerio (Roland Bayer) kein bunter Narr, sondern ein stämmiger melancholischer Düsterling, der die Capricen des Leonce durchaus kritisch begleitet - und er tut dies als einziger in bürgerlicher Joppe und Schlapphut, eine Art reisender hessischer Landbote, ein milder Agitator.Er hat den Leonce (Sven Lehmann, sehr jung, forscht wenig nach innen) sichtlich am Bendel.Da bleibt vieles Skizze, wie bei Büchner, der ja bewußt ein Lustspiel der klugen Unvernünftigkeit schrieb.Übrigens für einen Wettbewerb des Cotta-Verlages.Kriegenburgs Buffo-Pärchen sind Lena (Judith Hofmann, ein rebellisches Mädel) und ihre von Natalie Seelig zur grellkomischen Zicke aufgemöbelte Gouvernante.Zwei entzückend überkandidelte Kumpaninnen ohne eigene Geschichte.Sie könnten, und das ist schwächelnd und längend zugleich, so oder ähnlich auch in einer anderen Kriegenburg-Inszenierung vorkommen.Manchmal nämlich scheint seine Regie infiziert von der Spaßkultur in diesem unseren Lande.Doch immer bringt der Mann sein Schauspieler-Ensemble, egal was es tut, zum Blühen.

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