Kultur : Helmut Krausser: Im Auge des Orkans

Thomas Schaefer

8. Dezember 1999: "Habe nachts in Sachen Schmerznovelle total versagt. Ein sehr wichtiger Auftritt, ich hab ihn verpasst, bzw. mit unzulänglichen Mitteln beschrieben. Gefühl des Ausgestoßenseins. Wieder nicht die Welt gerettet. Heute keine Schönheit." 9. Dezember: "Und dann - ein solcher Schaffensrausch. Zum ersten Mal gedacht: Die Schmerznovelle könnte dein bestes Buch werden. Das allerbeste. In mir ist etwas zu Besuch, das ich für gestorben hielt." Es sind spannende, ungewöhnliche Einblicke in den Entstehungsprozess eines Werkes, die Helmut Krausser in seinem Tagebuch "Dezember" gewährt: Qual und Lust sind die Produktion betreffende, zugleich aber auch thematische Pole in Kraussers Werk, dem er mit der "Schmerznovelle" vielleicht nicht sein "allerbestes", aber ein abermals singuläres, verstörendes und atemberaubendes Kapitel anfügt.

Wie und warum sollte es auch das beste sein, angesichts des zum Kultbuch avancierten Romans "Fette Welt", der opulenten "Melodien", aber auch des seit nunmehr acht Jahren laufenden Tagebuchprojektes, in dessen Rahmen - jedes Jahr wird ein Monat protokolliert - man einzigartige Impressionen der Banalitäten und Abenteuer einer Schriftstellerexistenz gewinnt, in dem man vertraut wird mit Kraussers Kosmos, seinen Freu(n)den, Leidenschaften, Neurosen, in denen man arrogante Attitüden, Koketterien und Empfindlichkeiten antrifft und immer wieder wunderbar eindringliche Beobachtungen: "Vorm Glascontainer, in dem es Einwurfschlitze für grüne, weiße und braune Flaschen gibt, steht ratlos und einsam auf dem Gehsteig eine blaue Proseccoflasche."

Helmut Krausser, das belegen nicht nur die Tagebücher, macht es einem nicht leicht. Es gibt bei ihm eine kühle bis zynische intellektuelle Distanz zum Literaturbetrieb, aber auch zu den Niederungen alltäglicher gesellschaftlicher Übereinkünfte und Ideologien. Krausser, wie der von ihm verehrte Ernst Jünger, geriert sich als beobachtender Außenseiter und leicht elitärer Anarch. Vielleicht deshalb ist er zwar ein geachteter, nicht aber geliebter Autor. Vielleicht deshalb erntet ein Michel Houellebecq ein Echo, das gänzlich obsolet erscheint, denn Helmut Krausser hat viele der provokanten Houellebecqschen Thesen schon des öfteren aufs Tapet gebracht, und in der Regel brillanter. Seine Sprache und Motive sind von einer ganz eigenen Qualität und Bandbreite und verfolgen doch einen stringenten roten Faden, für den die "Schmerznovelle" repräsentativ ist. Der Satz ihres Erzählers "Seltsam zu sehen, wie wenig manche Menschen aufs Spiel setzen, wo ihnen doch so viel zur Erfüllung fehlt" könnte der Novelle wie dem Gesamtwerk Kraussers als Motto dienen.

Besuch bei dubiosen Leuten

Geradezu konventionell und formvollendet scheint diese Novelle den Gattungsgesetzen zu folgen. In einem topografisch und zeitlich eng gesteckten Rahmen vollzieht sich eine unerhörte Begebenheit, die einen traditionellen Ausgangspunkt hat: das Motiv der Reise als Folie für Entfremdung, Entgrenzung, Konfrontation mit überraschenden Seiten und Entwicklungen der eigenen Persönlichkeit. Der Erzähler, ein offensichtlich etwas einsamer Mann an der Schwelle der Vierzig, ist an einen südlichen Bergsee gereist, wo er seinen ehemaligen Doktorvater besucht. Der animiert seinen Gast, das Ehepaar Palm zu besuchen, von dem die örtliche Gesellschaft vage Gerüchte kolportiert. Warum er der dubiosen, durch nichts gerechtfertigten Aufforderung Folge leistet, weiß der Erzähler selbst nicht, tritt aber den Besuch an und gerät unversehens in eine Krausser-typische fatale Sphäre zwischen Wahn und Realität, in eine grenzüberschreitende Welt aus Leidenschaft - und eben Schmerz. Denn das Ehepaar Palm gibt es nicht mehr: Der Mann, ein extremer Konzeptkünstler à la Hermann Nitsch, hat sich vor Jahren das Leben genommen. Seine Witwe Johanna lebt hingegen noch in der schizophrenen Illusion seiner Allgegenwart und wechselt abrupt die Rollen zwischen ihrer eigenen Identität und der ihres Mannes - nicht nur eine Namens-, sondern auch eine Geistesverwandte der Johanser-Figur in Kraussers Roman "Thanatos".

Der Faszination ihrer Geschichte und ihrer unbedingten Hingabe an die Leidenschaft erliegt der Erzähler, der sich als professioneller Psychologe entpuppt, jedoch jegliche berufliche Erfahrung und Distanz einbüßt: "Ich fühlte mich von Johanna infiziert, und anstatt mich zu wehren, begab ich mich nach und nach auf eine Ebene mit ihr. Was ich an ihr heilen wollte, bewunderte und beneidete ich auch." Johanna wird ihm zur "magischen Person, von der ich mir eine Katharsis für mein längst aus allen Bahnen geratenes Leben versprach".

Zum Äußersten bereit

Er rekapituliert die Liebes- und Ehegeschichte der Palms, ein sadomasochistisches Drama aus Qual und Liebe, Unterwerfung und Würde, und erlebt mit Johanna eine ganz ähnlich gelagerte, heftige und erneut tödlich endende amour fou, deren drastische Schilderung bisweilen die Grenzen zur Pornografie streift, aber keine Ausgeburt Krausserscher erotischer Phantasien ist. In seinem Tagebuch zitiert der Autor Internet-Annoncen, die Vorbild für Johannas Sehnsucht nach Unterwerfung sein mögen und ein weiteres passables Motto für Kraussers Literatur abgeben könnten: "Bin Äußerstes gewohnt und bereit zu mehr, grenzenlos!"

Denn Mittellagen sind Kraussers Sache nicht, stets lotet er die extremen Grenzen menschlichen Daseins aus: "Ob es die Liebe war, der Tod, die Sehnsucht, das Aufbegehren - möglicherweise Facetten ein und derselben Energie, die den Kosmos am Leben hält." Jene Energie, die das wesentliche Attribut der Sprache Kraussers ist, die ihresgleichen sucht. Kraussers Kosmos wie auch sein neues Buch muss man nicht mögen, es ist eigenwillig, provokant und irritierend. In der von Krausser als "Mysterythriller auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis, erweitert um essayistische Elemente" bezeichneten "Schmerznovelle" geht es dem Autor "um den schmalen Grat zwischen Erotik und Pornografie". Auf dieser Gratwanderung lässt er die Grenzen des Banalen und Konventionellen hinter sich - ein Landvermesser auf der Suche nach dem von alltäglichen Übereinkünften und Sensationen verschütteten wirklichen Leben, angetrieben von Neugier und einer großen Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit.

Der Erzähler der "Schmerznovelle", deren essayistische Elemente ihn als Wesensverwandten des Autors Krausser erkennen lassen, vertritt die These: "Wenige Glanzlichter genügen, um einem beliebigen Leben die Illusion einer parabolischen Signifikanz zu verleihen. Glanzlichter, Augenblicke, in denen wir unsere Sicherheit aufgeben, uns selbst losgelassen haben. Wenn der Körper zum Testballon wird und der Orkan noch kein Auge besitzt." Wenn es nur das wäre, dass Helmut Krausser immer wieder die Sicherheit literarischer Beliebigkeiten aufgibt und dem Orkan ins Auge blickt, es wäre ausreichend, um ihn zu schätzen.

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